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Stuttgart 21 : Hauptbahnhof der Geduldsproben

Die Schalterhalle des Bonatzbaus soll heller werden und nach Fertigstellung dem ursprünglichen Bau ähnlicher sein. Bild: dpa

In Stuttgart müssen Reisende noch lange mit Provisorien leben. Von Anfang 2020 an können sie die Bahnhofshalle gar nicht mehr betreten – sie müssen dann durch „Gehkanäle“ laufen.

          Seit dieser Woche gibt es im Bonatzbau, der Haupthalle des 1928 gebauten alten Stuttgarter Hauptbahnhofs, kein gezapftes Pils und keinen frisch gebrühten Espresso mehr. Reisende, die in Stuttgart ankommen, irren suchend durch die nunmehr funktionslose Halle. „Der Stand wird Montag abgebaut“, steht an der Wand des ehemaligen Ledertaschen-Geschäfts. Die Leuchtreklame des „Schlemmer-Grills“ ist demontiert, der Buchhändler in die Klett-Passage umgezogen. Nur am Saft-Stand läuft der Verkaufsbetrieb noch.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ein funktionierendes Bahnhofsensemble aber gibt es in der Landeshauptstadt nicht mehr, nur noch Provisorien. Die Bahnreisenden stellt der Hauptbahnhof vor immer neue Geduldsproben. Von Anfang 2020 an können Reisende die Bahnhofshalle gar nicht mehr betreten, sie müssen dann durch „Gehkanäle“ laufen.

          Wer sich dem Gleisfeld des Kopfbahnhofs von der Landesbank her nähert, wird durch ein riesiges Schild darauf hingewiesen, dass er sich im Hauptbahnhof befindet. Die Bonatz-Halle wird bis zum Jahr 2025 saniert, damit sie fertig ist, wenn die ersten ICEs und Regionalzüge in den von Christoph Ingenhoven entworfenen Tiefbahnhof einfahren. Die Halle bekommt ein Tragwerk. Künftig hat sie zwei Ebenen, damit es von einer Verteilerebene einen einfachen Zugang zu den acht neuen Gleisen des Tiefbahnhofs geben kann.

          Der Umbau der Bonatz-Halle kostet 200 Millionen Euro. Diese Investitionen trägt die Bahn AG allein. Die Sanierungskosten sind also nicht in den Gesamtkosten des Projekts (8,2 Milliarden Euro für den neuen Bahnknoten Stuttgart 21 und 3,5 Milliarden Euro für die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm) enthalten. Hässliche Einbauten aus den fünfziger Jahren lässt Ingenhoven wieder herausmeißeln: Die Halle soll heller werden und nach Fertigstellung dem ursprünglichen Bau ähnlicher sein.

          Baustelle Bahnhof: In Stuttgart wird immer weiter gebaut.

          In den nächsten sechs Jahren müssen die Bahnkunden mit vielen Provisorien klarkommen. Auf dem Boden des Bonatzbaus sowie in der alten Gleishalle weisen jetzt blaue und rote Klebestreifen den Weg. Der blaue Streifen führt ins Reisezentrum in der alten Verkaufshalle der Landesbank, der rote zu einem Servicecenter, das noch gar nicht fertig ist.

          „Wo ist denn jetzt der Fahrkartenverkauf“, fragt eine Chinesin einen Bahnmitarbeiter. Hendryk, ein Student, einer von zehn „Baustellenbuddys“, die den Kunden helfen und für einige Wochen zum Trost Gummibärchen verteilen, sagt: „Wenn Sie zur Schalterhalle wollen, müssen Sie nur der blauen Linie folgen.“ Die Frau nickt und geht weiter. „Die meisten Reisenden sind tolerant“, sagt Hendryk. „Verärgert sind nur wenige. Am ersten Tag waren Stuttgart-21-Gegner da. Aber mit denen konnte man reden.“

          „Die einen reagieren so, die anderen so“

          Zur neuen Schalterhalle muss man zehn Minuten länger laufen, wenn man aus der Innenstadt kommt. Wer hingegen aus einem Zug im alten Kopfbahnhof aussteigt und sich für eine Verspätung einen Teil des Fahrpreises erstatten lassen will, ist nun schneller in der Verkaufshalle. Außer den zehn Schaltern der Deutschen Bahn gibt es dort auch Informationsstände der privaten Bahnbetreiber „Abellio“ und „GoAhead“.

          Die Unternehmen haben in Baden-Württemberg vor wenigen Wochen den Regionalverkehr auf den Strecken nach Heilbronn, Bruchsal, Tübingen und auch nach Osterburken und Crailsheim übernommen. Weder die Schalterhalle noch die DB-Lounge für Kunden der ersten Klasse sind klimatisiert. Halten die Bahnkunden solche Provisorien aus? Eine Bahnmitarbeiterin meint vielsagend: „Die einen reagieren so, die anderen so.“

          Bahnfahrer erkennen beim Aufenthalt in Stuttgart immerhin Baufortschritte: Drei von 28 Kelchstützen – sie werden das neue Bahnhofsdach tragen und Tageslicht in den Bahnhof lassen – sind gegossen. Der Tunnel Richtung Feuerbach und letztlich Paris soll Ende des Jahres fertig sein. Für die Tunnelröhren Richtung Ulm und Bratislava ist für September mit dem Durchbruch zu rechnen.

          Die ICE-Neubaustrecke nach Ulm wird 2022 in Betrieb genommen, der Bahnhof dann im Herbst 2025, vier Jahre später als geplant. Bahnkunden benötigen also noch einige Jahre Geduld. „Man kann nicht mitten in einer Stadt einen neuen Bahnhof bauen“, sagt ein Sprecher der Stuttgart-21-Projektgesellschaft, „und alles ist wie vorher.“

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