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Studie zu E-Scootern : „Viele spielen – ohne es zu wissen – mit ihrem Führerschein“

In Düsseldorf wurde am Freitag die Studie „Fahrsicherheit bei Nutzung von E-Scootern nach Alkoholkonsum“ vorgestellt. Bild: dpa

Eine Studie belegt, wie riskant das Fahren von E-Scootern unter Alkoholeinfluss ist. Schon bei 0,3 Promille nimmt die Fahrtüchtigkeit rapide ab – dabei unterschätzen viele die Gefahren und Folgen.

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          Seit E-Scooter im Sommer 2019 für den Straßenverkehr in Deutschland zugelassen wurden, haben sich die elektrifizierten Miet-Tretroller in den Städten rasend schnell ausgebreitet. Zehntausende der Fahrzeuge gibt es mittlerweile, für die man weder eine Mofa-Prüfbescheinigung noch einen Führerschein braucht, aber mindestens 14 Jahre alt sein muss. Häufig stellen die Nutzer die E-Scooter rücksichtslos mitten auf Gehwegen ab. Kein Wunder, dass E-Scooter vielen als Ärgernis gelten.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Für ihre Nutzer gefährlich sind sie zudem. Laut einer aktuellen Studie des ­Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben Nutzer der elektrischen Tretroller im Vergleich zu Fahrradfahrern ein vierfach höheres Unfallrisiko. Weil die elektrischen Tretroller überwiegend zum Vergnügen gefahren werden – Fachleute sprechen von „Partynutzung“ –, ist es nicht verwunderlich, dass Alkohol eine häufige Unfallursache ist. Wie sich der Alkoholkonsum auf die Fahrtüchtigkeit von E-Scooter-Nutzern auswirkt, geht aus der DLR-Studie nicht hervor.

          Deshalb haben Rechtsmediziner der Universitäten Düsseldorf und München dazu in den vergangenen Monaten eine eigene Untersuchung mit 57 Probanden im Alter zwischen 18 und 47 Jahren gemacht, die vom Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (BADS) finanziert wurde. Überrascht hat die Wissenschaftler, wie rapide der Fahrleistung schon bei recht niedrigen Blutalkoholkonzentrationen abnimmt.

          Fahrtüchtigkeit verschlechtert sich auf die Hälfte

          Die Realfahrtstudie fand an mehreren Tagen bei Regen und Sonne auf einem Parcours statt, der unter anderem aus einer längeren geraden und sich am Ende stark verjüngenden Spur, aus Toren und Gassen oder einem Kreis bestand. „Ab einem Promillewert von 0,3 verschlechterte sich die Fahrleistung auf etwa die Hälfte im Vergleich zu den Durchgängen vor dem Alkoholkonsum“, sagt der forensische Toxikologe Thomas Daldrup von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Vor allem die Kreisfahrt habe die Testpersonen rasch vor erhebliche Probleme gestellt. Das hänge vermutlich mit den hohen Anforderungen an den Gleichgewichtssinn beim E-Scooter-Fahren zusammen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Bei den Rollern handle es sich um alles andere als einfach zu beherrschende Fahrzeuge, ergänzt Benno Hartung vom Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Sie beschleunigen schnell, man fährt sie im Stehen, sie haben kleine Reifen, und man muss schnelle Lenkausschläge machen.“

          Von 0,8 Promille an nahm die Fahrleistung und Fahrsicherheit der Probanden weiter signifikant ab – zunächst bei den Tordurchfahrten und ab 1,0 Promille auf der sich verjüngenden Geradeausspur. Die neue Studie zeige auch, dass es bei E-Scooter-Nutzern ab Promille-Werten von 0,3 „vergleichsweise häufig zu einer relativen Fahrunsicherheit kommen kann, was eine Straftat ist“, sagt Hartung. „Bei anderen Kraftfahrzeugen sehen wir diese relative Fahrunsicherheit in der Regel erst bei deutlich höheren Blutalkoholkonzentrationen von 0,6 bis 1,0.“ Angesichts der Studienergebnisse müssten für E-Scooter-Nutzer „Maßstäbe wie für Fahranfänger gelten, nämlich ein Alkoholverbot“, fordert Daldrup.

          Wer mit 1,1 Promille oder mehr auf einem E-Scooter erwischt wird, begeht wie jeder andere Kraftfahrer in jedem Fall eine Straftat. Doch das scheint vielen Nutzern ebenso wenig klar wie die Tatsache, dass auch die allgemein übliche 0,5 Promille-Grenze gilt und unter Einundzwanzigjährige und Führerscheinneulinge sich keinerlei Alkoholkonsum erlauben dürfen, wenn sie E-Scooter fahren wollen. „Viele spielen – ohne es zu wissen – mit ihrem Führerschein“, sagt Hartung.

          Auch Minderjährige könnten schon einen Behördeneintrag kassieren und später erhebliche Schwierigkeiten haben, ihren Führerschein zu bekommen. Wie verbreitet jedoch das E-Tretrollerfahren in alkoholisiertem Zustand oder unter dem Einfluss anderer Rauschmittel offensichtlich ist, zeigt eine Kontrolle in Heidelberg von Anfang Oktober: 34 der 216 überprüften Nutzer hatten Alkohol getrunken und/oder andere Drogen genommen. Vier Rollerfahrer mussten ihre Autoführerscheine abgeben.

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