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Piloten mit Depressionen : Suizidgedanken im Cockpit

Piloten mit psychischen Problemen: Befördert werden die Depressionen durch Einnahme hoher Dosen von Schlafmitteln und Schikanen im Beruf. Bild: dpa

Eine Studie legt nahe, dass Hunderte Piloten depressiv sind. Doch warum herrscht über psychische Probleme im Cockpit so große Verschwiegenheit?

          Als im April 2015 ein Ko-Pilot einen Airbus 320 gezielt zum Absturz brachte und dabei 149 Personen in den Tod riss, stellte sich erst in den Wochen danach heraus, dass der Siebenunddreißigjährige unter Depressionen gelitten hatte. Über Jahre hinweg hatte Andreas Lubitz etliche Ärzte aufgesucht, die feststellten, dass er aufgrund seiner geistigen Verfassung lebensmüde war und damit fluguntauglich. Bekannt waren die Diagnosen seinem Umfeld und seinem Arbeitgeber aber nicht oder nur bedingt. Dass der Pilot aus Montabaur wohl kein Einzelfall ist, zeigt eine anonyme Online-Studie der Harvard T. H. Chan School of Public Health, die in der Nacht zu Donnerstag im Medizin-Journal „Environmental Health“ veröffentlicht wurde. Demnach könnten Hunderte Piloten unter Depressionen leiden und ihre geistige Verfassung verheimlichen, aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          An der Studie nahmen 3485 Piloten aus mehr als 50 Ländern teil (überwiegend aus Amerika, Kanada und Australien), nur etwas mehr als die Hälfte füllte den Fragebogen aber komplett aus und beantwortete auch die Fragen zur persönlichen Gesundheit, die Ärzte standardmäßig verwenden, um Depressionen zu diagnostizieren. Dabei zeigten 233 von ihnen Anzeichen von Depressionen, 75 hatten zudem in den vergangenen sieben Tagen, in denen sie auch in einem Cockpit gesessen hatten, „Selbsttötungsgedanken“.

          Vor allem männliche Piloten litten an Interesselosigkeit

          Bei 193 (13,5 Prozent) könne von einer Depression gesprochen werden, so das Fazit der Wissenschaftler. Vor allem männliche Piloten gaben an, dass sie beinahe täglich an Interesselosigkeit litten, sie fühlten sich als Versager und würden denken, „tot seien sie besser dran“. Befördert würden die Depressionen bei den Vielfliegern durch die Einnahme hoher Dosen von Schlafmitteln und durch Schikane im Beruf – sowohl verbal als auch sexuell. Weibliche Piloten gaben an, mindestens einen Tag im Monat mental nicht in der Lage zu sein zu arbeiten. Frauen stellten sich aber auch häufiger ihren Depressionen und suchten sich Hilfe.

          „Es gibt einen Schleier der Verschwiegenheit um psychische Probleme im Cockpit“, schreibt der Hauptautor der Studie, Assistenzprofessor Joseph Allen. Wegen der Stigmatisierung des Themas sei die Forschung nicht einfach. Die Studienergebnisse seien nur „begrenzt zu verallgemeinern“, trotzdem müsse davon ausgegangen werden, das eine nicht geringe Anzahl von Piloten unter Depressionen leide. „Wir empfehlen den Fluggesellschaften darum, vorbeugend mehr für die Psychohygiene ihrer Piloten zu tun.“

          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass rund 350 Millionen Menschen auf der Welt an Depressionen leiden. Nur etwa die Hälfte ist deswegen in einer Behandlung. Einer der Gründe dafür ist nach Angaben der WHO das gesellschaftliche Stigma, das mit der Erkrankung einhergeht.

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