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Stromausfall in Köpenick : „Man merkt schon, wie abhängig man ist“

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Mit Taschenlampen durch die S-Bahn-Station: Um 14.10 Uhr gingen in Köpenick die Lichter aus. Bild: Matthias Koch

In Köpenick blieb es mehr als 30 Stunden dunkel. Erst am späten Mittwochabend war der Berliner Stadtteil wieder vollständig mit Strom versorgt. Tausende Menschen kehren in ihre Wohnungen zurück.

          Schulen und Geschäfte zu, Wohnungen kalt, Telefon tot: Bei gut 30.000 Haushalten in Berlin ist mehr als 30 Stunden lang der Strom ausgefallen. Der großflächige Blackout hat das öffentliche Leben im Berliner Stadtteil Köpenick von Dienstagnachmittag bis zum Mittwochabend erheblich eingeschränkt. Tausende Menschen hatten in dieser Zeit ohne Licht, Heizung und Energie auskommen müssen, nachdem bei Bauarbeiten neben dem Hauptkabel auch das Ersatzkabel beschädigt worden war. Gegen 21.30 Uhr am Mittwoch hatte die Panne ein Ende.

          „Wir tun, was wir können“, sagte Julia Klausch, Vattenfall-Sprecherin für das Berliner Stromnetz, am Mittag. Der ursprünglich Plan, den Ausfall bis 15 Uhr zu beheben, konnte nicht eingehalten werden.

          Bei einer Bohrung bei Bauarbeiten an der gesperrten Salvador-Allende-Brücke war neben dem Hauptkabel auch das Ersatzkabel beschädigt worden. Die verantwortliche Firma habe sich vorab nicht über deren Verlauf informiert, sagte die Sprecherin. Die Kabel müssten komplett erneuert werden.

          Kein Ansturm auf die Anlaufstellen

          Auf Twitter kursieren Tipps, welche Geschäfte geöffnet haben und wo man sich mit Lebensmitteln versorgen kann. Matthias Koch, Fotojournalist aus Köpenick, erzählte im Gespräch mit FAZ.NET, es gebe einen Bäcker, der eigens einen Generator angeschafft habe und nun Kaffee ausschenke. Ein weiteres Restaurant koche mit Gas und sei damit konkurrenzlos als einziges geöffnet. „Man merkt schon, wie abhängig man ist“, sagte Koch.

          Tausende mussten in ihren Wohnungen einen Abend im Dunkeln und eine Nacht im Kalten verbringen, weil die Heizungen nicht funktionierten. Am Mittwoch öffneten fünf Schulen ihre Türen für betroffene Einwohner, die sich dort aufwärmen oder ihr Handy aufladen können. „Kompliment an die Bürger und die Organisation“, sagte Regina Maier, Leiterin der Heide-Grundschule in Köpenick, eine der Anlaufstellen für Bürger.

          Bereits in aller Frühe waren Ansprechpartner des Katastrophenschutzes an Ort und Stelle. Die Schulleiterin kann jedoch nicht von katastrophalen Zuständen berichten. Im Gegenteil. Bis zum Mittag sei noch keiner an der Heide-Grundschule aufgetaucht. Am Dienstag und Mittwoch habe dort der Unterricht ganz planmäßig stattgefunden. Die Lehrkräfte seien pünktlich erschienen. Wenn auch „mit ungewaschenen Haaren“, sagte Maier und lachte. Die Lehrer berichteten sogar von guten Erfahrungen während des Stromausfalls. Plötzlich habe man sich wieder mit den Nachbarn unterhalten.

          Doch nicht nur die Menschen in den Anlaufstellen scheinen den Stromausfall mit Humor zu nehmen. Die Polizei Berlin twitterte bereits die beliebtesten Kindernamen. Der Mythos, dass die Geburtenzahlen nach einem längeren Stromausfall steigen, hält sich hartnäckig. Belege gibt es dafür aber nicht. Eine Verjüngung stünde Köpenick jedoch gut zu Gesicht. 2017 war ein Fünftel der Köpenicker älter als 65 Jahre.

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