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Streit um Ed-Sheeran-Konzert : Wieso sich Düsseldorf vor einem Weltstar blamiert

  • -Aktualisiert am

Trat schon in Riga auf – wird aber wohl nicht in Düsseldorf singen: Superstar Ed Sheeran. Bild: dpa

Die Stadt Düsseldorf bringt sich seit Wochen immer wieder ins Gespräch – und das mit einem Mega-Konzert von Ed Sheeran, das wohl überhaupt nicht stattfindet. Gestritten wird vor allem um eines: Bäume.

          Düsseldorf inszeniert sich gerne als Kommune, die auch Großereignisse unkompliziert möglich macht. Die scheinbar so selbstbewusste Stadt verdächtigt sich selbst am meisten, das Dorf geblieben zu sein, das sie im Namen trägt. Deshalb neigt Düsseldorf zum Kompensieren, macht dabei dann aber meist eine ausgesprochen mondäne Figur.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Vor bald acht Jahren bekam Düsseldorf den Zuschlag für den „Eurovision Song Contest“ (ESC) und wusste die Chance bestens zu nutzen. Weit mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauer sahen im Mai 2011 das ESC-Finale aus der Düsseldorfer Arena. Viele von ihnen erfuhren bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal von der Existenz der Stadt: Die Welt war ein Düsseldorf. Stolz war Düsseldorf auch, im vergangenen Jahr Etappenstadt der Tour der France zu sein. Nun aber hat sich Düsseldorf vor der Welt im allgemeinen und einem Weltstar im Besonderen blamiert. Davon zumindest ist Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) überzeugt.

          Konzert auf einem Parkplatz?

          Als vor einigen Wochen ein für Ende Juli geplantes Openair-Konzert des britischen Superstars Ed Sheeran auf dem Flugplatz Essen/Mülheim abgesagt werden musste, weil dort massenhaft Bomben-Blindgänger im Boden vermutet werden und außerdem ringsum die sensiblen Feldlärchen brüten, griff Geisel kurzentschlossen zu. Gerne springe man Ed Sheeran bei seiner Welttournee bei, ließ er verlauten. Das Großereignis, zu dem rund 85.000 Besucher erwartet werden, könne ohne Probleme auf einem Parkplatz der Messe stattfinden.

          Doch das Stadtoberhaupt hatte die Rechnung weder mit den Anwohnern noch mit den Düsseldorfer Baumschützern gemacht. Die einen befürchteten, vom Ansturm so vieler Sheeran-Fans überrollt zu werden. Die anderen stießen sich daran, dass aus dem Parkplatz nur dann eine Open-Air-Fläche werden kann, wenn 104 Bäume gefällt werden. Lange diskutierten auch die Parteien über die Causa. Im Rat ging dann zunächst die CDU von der Fahne. Und weil sich am Montagabend die Grünen ebenfalls auf ein Nein festlegten, steht fest, dass es bei der Abstimmung im zuständigen Ratsgremium an diesem Mittwoch keine Mehrheit für das Massenspektakel geben wird. Geisel ist schwer enttäuscht. Der Stadt drohe nun ein „dramatischer Reputationsschaden“.

          Dabei hatte der routinierte Hans Dampf in allen Gassen nichts unversucht gelassen. Für die Grünen schnürte der Oberbürgermeister ein Öko-Paket, das die Pflanzung von Ersatzbäumen im ganz großen Stil möglich machen sollte. Die wirtschaftsfreundliche CDU versuchte Geisel von den enormen ökonomischen Effekten zu überzeugen, die für die örtliche Hotellerie und Gastronomie durch den Mega-Magnet Ed Sheeran zu erwarten seien. Um die Sicherheit müsse sich ohnehin niemand fürchten. Tatsächlich betonte die Düsseldorfer Feuerwehr wiederholt, dass es beim Sicherheitskonzept selbstverständlich keine Kompromisse geben würde. Aus dem Loveparade-Unglück im benachbarten Duisburg habe man alle nur erdenklichen Lehren gezogen. Für alles, selbst für ein Unwetter, sei man gerüstet, weil als Not-Unterstand für die Massen die Messehallen und die Arena bereitstünden.

          „Standort Düsseldorf hat dann keine Daseinsberechtigung.“

          Mit einem konzertierten Überzeugungsversuch ganz eigener Art probierten es am Montag mehrere große deutsche Konzertveranstalter. Während ein Unternehmen in der „Rheinischen Post“ ankündigte, all seine 47 in diesem Jahr noch in Düsseldorf geplanten Konzerte abzusagen, wenn das Sheeran-Projekt platze, verunglimpfte ein anderer Impresario die politische Debatte als „gefährliche Posse“ und verstieg sich zu der Behauptung, eine Veranstaltung dieser Größenordnung aus politischen Gründen platzen zu lassen, wäre einmalig. „Der Standort Düsseldorf hat dann keine Daseinsberechtigung mehr.“

          Bei den Kommunalpolitikern kamen die düsteren Drohungen und Untergangsprophezeiungen gar nicht gut an. Auch die CDU zeigte sich empört. Und die Grünen fanden, die Kommunalpolitik dürfe sich ihre Entscheidungen nicht diktieren lassen. Die Schuld an der Sheeran-Blamage trage der Oberbürgermeister, denn er habe seine Zusage für das Massenspektakel ohne Beschlüsse der Politik gegeben. Nur deshalb komme es nun überhaupt zu dem Imageschaden für Düsseldorf.

          Mein Freund der Baum: Viele stießen sich daran, dass aus dem Parkplatz nur dann eine Open-Air-Fläche geworden wäre, wenn man 104 Bäume gefällt hätte.

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