https://www.faz.net/-gum-8we8y

Riedberger Horn im Oberallgäu : Streit um den schönsten deutschen Skiberg

Allgäuer Aussichtsberg: Riedberger Horn, 1787 Meter hoch. Bild: dpa

Die bayerische Regierung will zum ersten Mal seit 44 Jahren den Alpenplan ändern, damit ein Skilift durch ein bisher geschütztes Gebiet gebaut werden kann. Naturschützer sprechen von „Umweltfrevel“ und einem „politischen Skandal“.

          2 Min.

          Hanspeter Mair ist der Frust anzumerken. „Das ist ein starkes Stück“, sagt er am Mittwoch. „Ein Schlag ins Kontor.“ Mair arbeitet für den Deutschen Alpenverein, als Geschäftsbereichleiter Alpine Raumordnung. Der Beschluss, den die Bayerische Staatsregierung am Dienstag getroffen hatte, fiel also in sein Gebiet: Das Kabinett sprach sich zugunsten des umstrittenen Skilift-Projekts am Riedberger Horn im Oberallgäu für eine Reform des Landesentwicklungsplans aus. Das heißt: Zum ersten Mal seit 44 Jahren soll der Alpenplan geändert werden, eine Übereinkunft zur Erschließung der Alpenregion, die bisher als vorbildlich galt.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Der Alpenplan ist ein vielbeachtetes Entwicklungsinstrument, um das uns andere Alpenländer beneiden“, sagt Mair. „Weil er in manchen Gebieten eine Entwicklung zulässt, andere aber davor schützt.“ Dafür wurde eine Einteilung des Alpenraums in drei Zonen geschaffen: von Zone A, in der Verkehrsvorhaben unbedenklich sind, bis Zone C, in der Lifte, Pisten oder Straßen tabu sind. So wurde jahrzehntelang eine touristische Übererschließung der bayerischen Alpen verhindert und ein Ausgleich gefunden zwischen privatwirtschaftlichen Interessen, etwa von Seilbahngesellschaften, und öffentlichen Gütern wie der alpinen Landschaft.

          Betroffene Gemeinden befürworten Projekt

          Am Riedberger Horn, das Bergsteiger-Idol Luis Trenker als „schönsten Skiberg Deutschlands“ pries, prallen diese Gegensätze aufeinander. Das Liftprojekt, das die Skigebiete Grasgehren und Balderschwang verbinden soll, würde durch Schutzgebiet der Zone C führen – ist also laut Alpenplan unzulässig.

          Das bayerische Umweltministerium sprach sich denn auch gegen den Bau der Skischaukel aus. Das Heimatministerium unter Markus Söder (CSU) ist aber dafür. Die betroffenen Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang befürworten das Projekt mit großer Mehrheit. Sie sehen den Zusammenschluss als zentral für die weitere Entwicklung des Wintertourismus in der Region an und als dringend notwendig, um sich gegen die Konkurrenz vor allem in Österreich zu behaupten. Zudem profitiere auch der Sommertourismus von der Bahn.

          Umweltschutzorganisationen erheben Einwände

          Diese Meinungs- und Mehrheitsverhältnisse waren weithin bekannt, als Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) seinen Ausweg aus dem Dilemma präsentierte: eine Bürgerbefragung in den beiden Gemeinden. Sie endete, wenig überraschend, mit einem deutlichen Pro – was die Regierung als Auftrag nahm, das Landesentwicklungsprogramm zu ändern, ungeachtet der Einwände von Umweltschutzorganisationen, „das Votum von 0,001 Prozent der bayerischen Bevölkerung“ könne nicht Anlass sein, den gesamten Alpenplan aufzubrechen.

          In der vergangenen Woche nun endete die Einspruchsfrist der Bürger gegen diese Änderung. Laut der Alpenschutzkommission Cipra gingen Hunderte Einwände ein. Doch nur Tage später präsentierte das Kabinett schon seinen fertigen Beschluss. Eine Effizienz, die Mair und andere angesichts der Menge an Stellungnahmen überraschte.

          Projekt-Stopp ist unwahrscheinlich

          „Die Bayerische Staatsregierung flüchtet sich panikartig in einen Beschluss, der für den gesamten deutschen Alpenraum Präzedenzcharakter hat“, teilt Cipra-Präsident Erwin Rothgang mit. Der bewährte Alpenplan werde „kurzfristigen Interessen geopfert“. Hubert Weiger, Landesvorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz, spricht von einem „politischen Skandal“, Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionsvorsitzender im Landtag, von einem „Umweltfrevel“.

          Heimatminister Söder entgegnet, für die 80 Hektar, die für das Liftprojekt aus der Zone C herausgelöst und nun als Zone B gekennzeichnet werden sollen, würden 304 Hektar in der Nähe neu in Zone C aufgenommen. Insofern bedeute der Beschluss sogar „eine deutliche Verbesserung für den Naturschutz“. „Das ist der blanke Hohn“, kommentierte Annette Karl, wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion.

          Die Fronten sind verhärtet. So überrascht es nicht, dass Alpenverein und Umweltschutzverbände weiter versuchen wollen, das Projekt noch zu verhindern. Die Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang dagegen zeigen sich von dem Beschluss hocherfreut. Die Pläne gehen nun erst einmal in den Bayerischen Landtag. Dass sie dort gestoppt werden, hält nicht nur Hanspeter Mair für unwahrscheinlich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

          Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.
          Logik ist sein zweiter Vorname: Youtuber Rezo

          Journalismus im Wandel : Die Logik, das bin ich

          Das Deutschlandradio fragt auf einer Tagung, ob Journalisten aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Wie das geschieht, zeigt der Auftritt eines präpotenten Influencers.
          ÖVP-Vorsitzender Sebastian Kurz (r.) Ende Oktober bei der konstituierenden SItzung des österreichischen Parlaments in Wien mit seinem früheren Innenminister Herbert Kickl (M.) und ÖVP-Chef Norbert Hofer

          Casino-Affäre : Der lange Schatten der alten Koalition

          Nach der FPÖ gerät in Österreich nun auch die ÖVP in Bedrängnis. In der sogenannten Casino-Affäre ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Korruption und Untreue gegen den ehemaligen Innenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.