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Streamerin über Rassismus : „Die meisten entschuldigen sich, wenn ich sie anspreche“

Streamerin Giannie Lee beendet nach dem Vorfall ihren Livestream. Bild: Screenshot FAZ.NET/twitch.tv/giannielee

In den sozialen Netzwerken verbreitete sich in den vergangenen Tagen ein Video, in dem die koreanische Streamerin Giannie Lee in Berlin rassistisch angegangen wird – und ruhig reagiert. Im Interview erzählt sie von dem Vorfall.

          Die 33 Jahre alte Streamerin Giannie Lee aus Südkorea dreht gerade ein Live-Video in einem Berliner Restaurant, als sich neben sich nacheinander zwei Deutsche neben sie setzen – allerdings nicht um zu plaudern. Sie ziehen ihre Augen mit den Fingern zu Schlitzen und versucht scheinbar, die Südkoreanerin nachzuäffen. Lee bleibt ruhig und freundlich, weist die Männer daraufhin, dass ihr Verhalten rassistisch ist, und bittet sie, zu gehen. Das Video und Ausschnitte davon verbreiten sich schnell im Internet, ein Clip auf der Streamingplattform Twitch hat fast eine Millionen Aufrufe, ein weiterer auf Twitter bereits 1,3 Millionen. Im Netz zeigen sich viele beeindruckt von Lees ruhiger Reaktion. Im Interview berichtet sie von ihrer Erfahrung.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Frau Lee, wie geht es Ihnen heute?

          Mir geht’s gut, ich habe heute ausgeschlafen. Es ist schön in Berlin!

          In den vergangenen Tagen hatten Sie ein weniger schönes Erlebnis, das in den sozialen Netzwerken zu sehen ist. Können Sie erzählen, was genau passiert ist?

          Eigentlich ging an diesem Tag mein Rückflug nach Korea. Aber ich hab mich spontan entschieden, das Ticket umzubuchen und länger in Berlin zu bleiben. Mittags wollte ich dann auf dem Ku‘damm gerne etwas typisch Deutsches essen und bin auf dieses Restaurant gestoßen. Ich war sehr gut gelaunt, weil ich meine Reise verlängern konnte, und die meisten Leute im Restaurant waren sehr nett. Viele waren aber auch betrunken. Dann ist eine Gruppe älterer Herren auf mich aufmerksam geworden, einige sind rüber gekommen. Ich dachte, sie wollten vielleicht in meinen Livestream. Sie waren auch erst einmal nicht unhöflich, sondern haben der Kamera ihre Zunge gezeigt. Erst ein paar Minuten später haben sie dann die Grimassen gezogen.

          Wie ging es Ihnen dabei?

          Ich war nicht böse, ich dachte sie sind einfach sehr betrunken. Ich hatte auch das Gefühl, dass ihnen gar nicht klar war, wie unhöflich sie waren. Als ich sie gebeten habe, damit aufzuhören, haben sie auch gestoppt und sind zu ihrem Tisch zurückgegangen. Das war’s.

          Viele hat Ihre ruhige Reaktion beeindruckt.

          Als Streamerin treffe ich öfter mal auf unangenehme Leute, auch in Südkorea. Ich glaube, dadurch habe ich gelernt, wie ich am besten mit solchen Leute umgehe. Ich habe aber auch einen unangenehmeren Vorfall erlebt, als ich in Berlin angekommen bin: Eine Gruppe hat mir „Ching chang chong“ und ähnliche Sachen hinterhergerufen. Das hat mich sehr traurig gemacht, und ich habe sie angeschrien, was das soll. In dem Moment habe ich mich auch bedroht gefühlt. Bei den Männern im Restaurant hatte ich nicht das Gefühl, dass ich Angst haben müsste. Ich war aber auch froh, als sie auf meine Bitte gegangen sind.

          Haben Sie noch mehr solcher Erfahrungen gemacht?

          Nur wenige Leute sind unhöflich zu mir. Aber in jedem Land gibt es ein paar rassistische Menschen. Nur wenn ich mit ihnen spreche, können sie sich auch bei mir entschuldigen, oder anderweitig auf mich reagieren. Auch auf Twitch habe ich manchmal rassistische Zuschauer. Mit denen kommuniziere ich dann auch davor oder danach. „Warum machst du das? Rassismus ist blöd“, sage ich dann. Die erwidern fast immer: „Tut mir Leid, Giannie“. Ich glaube, die Menschen, die mir schon länger zuschauen, wissen schon, dass diese Reaktion meine Art ist. 

          Ein Ausschnitt aus Ihrem Video ging in den sozialen Netzwerken viral. Haben Sie damit gerechnet?

          Ich war überrascht und auch etwas geschockt, ehrlich gesagt. Ich habe mir tatsächlich auch Gedanken um diese Männer gemacht. Sie waren jetzt für eine Menge Leute zu sehen, das war ihnen vielleicht gar nicht klar.

          Welche Reaktionen haben Sie bekommen?

          Gerade aus Deutschland gab es viel Anteilnahme, viele waren besorgt und haben mir geschrieben: Hallo Giannie, ich bin aus Deutschland und möchte mich für die entschuldigen. So sind nicht alle hier.

          Hat der Vorfall Ihren persönlichen Eindruck getrübt?

          Nein. Die meisten hier sind sehr nett, deshalb wollte ich auch länger bleiben. In Korea mögen die Leute Kameras nicht. Das ist für Streamer auf der Straße oft schwer. In Berlin sind die Leute da offener und winken zum Beispiel beim Vorbeigehen. Außerdem war das Wetter bisher gut.

          Und jetzt? Bleiben Sie weiter in Berlin?

          Ja. Eigentlich wollte ich den ganzen Monat in Berlin verbringen, aber meine Zuschauer wollen, dass ich reise und ihnen mehr zeige. Zum Beispiel nach München. Aber ich muss erst einmal einen Plan machen.

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