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Stolpersteine : Der Spurenleger

Stein um Stein: Gunter Demnig arbeitet unablässig an seiner Spur der Erinnerung Bild: Eilmes, Wolfgang

Seit 20 Jahren verlegt Gunter Demnig in ganz Deutschland seine Stolpersteine. Viele rührt es zu Tränen. Doch für ihn ist es Routine.

          70 Jahre, vier Monate und zwei Tage nachdem sie als Nummer 25974 in Auschwitz starb, bekommt die Frau ihren Namen zurück: „Hier wohnte Elisabeth Paul, geborene Kafka.“ So ist es in den Messingbeschlag auf dem Pflasterstein graviert. „Jahrgang 1899, Deportiert 1943, Auschwitz, Ermordet 17.7.1943.“

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Hier, das ist heute ein schmuckloser Bau am Ende der Frankfurter Fußgängerzone. Straßenbahnen rattern vorbei, die Einfallstraße wirft morgendlichen Pendlerverkehr in die Stadt, Passanten hasten durch den Nieselregen. Zehn Kindergartenkinder stehen mit ebenso vielen Erwachsenen um ein Loch im Bürgersteig.

          Zwischen ihnen kniet Gunter Demnig. Er verlegt die Stolpersteine für Elisabeth Paul und ihre Kinder Helene und Hermann, die ebenfalls in Auschwitz ums Leben gebracht wurden. Schweigsam verrichtet der Mann mit dem breitkrempigen Hut seine Arbeit. Er setzt die Steine ein und justiert sie mit dem Hammer, gibt Zement in die Ritzen und kippt Wasser darüber, streut Sand über die Steine und verreibt ihn mit der Kelle. Schließlich poliert er das Messing mit einem speckigen Fetzen Küchenrolle aus seiner Hosentasche.

          Seit 20 Jahren verlegt Demnig die Gedenksteine

          Dann hält die evangelische Gemeinde, die für die Steine aufgekommen ist, eine Andacht. Eine Klarinettistin spielt, ein Pfarrer sagt ein paar Worte über den Holocaust, eine Mitarbeiterin erzählt aus dem Leben der Ermordeten, die Kinder stellen Kerzen auf. Gunter Demnig steht im Hintergrund, verschwindet für eine Weile in seinem Auto und ist dann auf einmal ganz weg. Er hat es eilig. 15 weitere Steine an sieben Standorten wird er bis zum Nachmittag verlegen. Vergangenheitsbewältigung im Halbstundentakt.

          Künstler Gunter Demnig  legt Steine gegen das Vergessen.

          Gunter Demnig und seine Stolpersteine sind längst berühmt. Seit 20 Jahren verlegt er die Pflastersteine mit Aufschrift vor Häusern, in denen Opfer der Nationalsozialisten wohnten, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle. 44.000 Stolpersteine gibt es mittlerweile, die meisten in Deutschland, aber auch Hunderte in 16 weiteren Ländern, Belgien, Ungarn, Norwegen, Russland. Das größte dezentrale Denkmal der Welt. 95 Prozent der Steine hat er selbst verlegt, schätzt Demnig. Was ist das für ein Mensch, der sich so eine Arbeit macht? Ein Besessener? Ein Kauz?

          Ein Termin mit Demnig ist nicht leicht zu bekommen. Freie Zeit hat er wenig. Ihm in Frankfurt Fragen zu stellen, während er von einem Stolperstein zum nächsten hetzt, ist unmöglich. Also ein Treffen am Samstag in Köln-Frechen, wo er vor gut zwei Jahren ein Wohnatelier im alten Eisenbahn-Stellwerk bezogen hat.

          Im Auftrag des Nicht-Vergessens

          Gunter Demnig hockt im Kofferraum seines roten Transporters und montiert Halterungen für das Werkzeug hinein. Zum Glück, sagt er, sei das neue Auto genau heute geliefert worden, an seinem letzten freien Tag in den kommenden vier Wochen. Den alten roten Transporter verlassen nach nur drei Jahren die Kräfte. Mehr als 50.000 Kilometer hat ihn Demnig jedes Jahr durch Europa gejagt, vollgepackt mit Steinen. Jetzt sind die Stoßdämpfer hinüber, und ein paar andere Macken hat er auch noch.

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