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Stolpersteine : Der Spurenleger

Für sein Projekt hat Demnig viele Preise bekommen, auch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. So reibungslos wie in Frankfurt funktioniert das Steineverlegen aber nicht überall. Mal stellen sich Bürgermeister quer, weil sie Attacken von Neonazis fürchten, die Steine immer wieder mit Teer übergießen oder beschädigen. Mal klagen Hausbesitzer aus Angst, dass ihre Immobilien an Wert verlieren oder sie selbst mit der Deportation in Verbindung gebracht werden. Manch einer findet die Stolpersteine auch einfach geschmacklos, so wie die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Sie sagt, jüdische Opfer würden abermals mit Füßen getreten. Gunter Demnig hält dagegen: „Wer sich bückt, um die Inschrift der Stolpersteine zu lesen, verbeugt sich vor den Opfern.“ Hin und wieder schließen sich Stadt- und Gemeinderäte aber der Argumentation Knoblochs an, und Demnig darf keine Steine verlegen.

Die Stolpersteine sind alltäglich geworden

So auch in München. Vor zehn Jahren hat er es trotzdem versucht. Die Stadt ließ die zwei Steine fortschaffen – ausgerechnet auf den jüdischen Friedhof. Die Nachfahren sprachen von einer „zweiten Deportation“. Es lief also so, wie es meistens läuft, wenn sich jemand mit Demnig anlegt: Er braucht gar nicht viel zu tun. Seine Helfer am Ort und die lokale Presse schlagen die Schlacht für ihn. Oder die Gegner blamieren sich von allein.

Der Künstler erzählt die passenden Anekdoten auch Jahre später noch mit Genuss. Die Lust an der Provokation hat ihn nicht verlassen. Aber je länger sein Projekt dauert, desto seltener bekommt er die Chance dazu. Nicht nur für ihn sind die Stolpersteine Alltag geworden.

Zu Ende wird Gunter Demnig, mittlerweile 66 Jahre alt, seine Arbeit nicht bringen können. Deshalb bereitet er die Gründung einer Stiftung vor, damit es weitergeht, wenn er einmal nicht mehr kann. Solange es noch geht, will er die Steine aber selbst verlegen, auch wenn die Momente, in denen ihn das Erlebte noch überwältigt, selten geworden sind.

„Großeltern existierten nicht in meiner Welt“

Aber es gibt sie noch. Wie ungefähr bei Stein 36.000. Der galt einer Deutschen, die sich mit einem polnischen Juden eingelassen hatte und daraufhin ins KZ Ravensbrück kam. Die Tochter hatte ihr Schicksal recherchiert, über den Vater konnte sie nichts herausfinden. Demnig erinnerte sich an einen seiner ersten Steine in Berlin, der einem Polen gewidmet war, der eine Deutsche geschwängert hatte und an einer Laterne aufgeknüpft wurde – Demnig brachte es aber nicht übers Herz, der Tochter davon zu erzählen.

Zum sechsten Standort in Frankfurt sind wieder Angehörige gekommen, die von einem Fuß auf den anderen treten und sich die Hände reiben, während sie in der Kälte warten. Linda Steinhardt Majzner und ihr Sohn Marc sind für diesen Tag eigens aus New York angereist. Demnig fährt in seinem roten Transporter an, und alles geht zügig. Nachdem die Steine verlegt sind, beten die Angehörigen. „Wir wurden aus der Asche heraus geboren von zwei Elternteilen, die dem Holocaust entronnen sind“, liest Linda Steinhardt Majzner von einem Zettel ab. „Großeltern existierten nicht in meiner Welt. Ich hatte mich immer über die Menschen gewundert, die aussahen, als wären sie ältere Versionen ihrer Eltern.“

Dann lädt eine Passantin Linda und Marc auf einen Kaffee in das Haus ein, in dem ihre Vorfahren einst ihre letzten Tage in Freiheit verbrachten. Linda ist zu Tränen gerührt.

Gunter Demnig bekommt davon nichts mehr mit. Er ist schon wieder weiter.

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