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Stolpersteine : Der Spurenleger

Gunter Demnig war immer schon ein politischer Mensch, ein Achtundsechziger. Als junger Mann besuchte er Vorträge von Rudi Dutschke. Als er herausfand, dass sein Vater im Zweiten Weltkrieg an der Flak saß, sprach er fünf Jahre lang nicht mehr mit ihm. Sein erstes Kunstwerk war eine amerikanische Flagge, die er während des Vietnam-Krieges in das Schaufenster seines Ateliers in Berlin-Kreuzberg hängte – die Sterne waren durch Totenköpfe ersetzt. Nach drei Tagen klingelte die Polizei und führte ihn in Handschellen ab.

Die Geschichte dorthin bringen, wo sie geschehen war

Seine Arbeit war schon immer darauf angelegt, Spuren zu hinterlassen. 1980 schuf er aus Protest gegen den Rekordrummel im Kunstbetrieb das längste Kunstwerk der Welt: eine Farbspur von Kassel bis Paris. Ein Jahr später zog er eine Spur aus Tierblut von Kassel bis nach London, wieder ein Jahr später rollte er einen roten Faden zwischen Kassel und Venedig aus. Ärger mit der Staatsmacht nahm er in Kauf. Als er die Farbspur zog, wurde er kurz vor Paris vorübergehend festgenommen. „Ein bisschen Anarchie“, sagt er, „musste schon immer sein.“

Im Mai 1990 begründete eine weitere Spur die Idee zu den Stolpersteinen. Demnig markierte in Köln die Strecke, auf der Gestapo und SS 50 Jahre zuvor Sinti und Roma zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben hatten. Damals sagte eine ältere Frau zu ihm, dass in der Gegend „gar keine Zigeuner“ gewohnt hätten. Das Unwissen brachte ihn auf die Idee mit den Stolpersteinen. Er wollte die Geschichte wieder dorthin bringen, wo sie geschehen war: in den Alltag.

Erst verlegte Gunter Demnig einige Steine ohne behördliche Genehmigung in Köln und Berlin. Bald machte er nichts anderes mehr. Es kamen Helfer hinzu, die ihn bei der Koordinierung der Termine und der Herstellung der Steine unterstützen. Ein Netzwerk Freiwilliger in ganz Deutschland recherchiert die Daten der Opfer, wirbt Paten für die Steine und holt die Genehmigungen der Kommunen ein.

Demnig bekam viele Preise für sein Projekt

In Frankfurt folgt ein Auto mit Vertretern der örtlichen „Initiative Stolpersteine“ Demnig von Stein zu Stein. Arbeiter der Stadt haben die Löcher in den Bürgersteigen schon ausgehoben, Gunter Demnig muss nur Stolpersteine einsetzen.

„Hier wohnte Hermann Traub, Jahrgang 1876, Deportiert 1941, Kaunas, Ermordet 25.11.1941.“

„Hier wohnte Samuel Fleischmann, Jahrgang 1852, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod, 16.8.1942.“

„Hier wohnte Georg Bender, Jahrgang 1902, im Widerstand/SPD, verhaftet 1938, ,Vorbereitung zum Hochverrat‘, Zuchthaus Butzbach, befreit/überlebt.“

Gunter Demnig hetzt von Stein zu Stein, spricht wenig, arbeitet schnell, verschwindet früh. Nette Worte für die Angehörigen finden seine Helfer oder die Paten, die für die Steine aufgekommen sind.

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