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Stolpersteine : Der Spurenleger

Diese Mission kann Mensch und Maschine verschleißen. Allein im vergangenen Jahr war er 280 Tage für die Stolpersteine unterwegs. Die Dokumente all derjenigen, für die er einen Stein verlegt hat, füllen in seinem Büro gut 120 Aktenordner. Da wundert es nicht, dass vor dem Fenster, wo eine schöne Terrasse sein könnte, ein Stellplatz für Werkzeug ist.

Zu was kommt er eigentlich noch?
„Steine verlegen.“
Ist er ein Besessener?
„Na ja, das ist vielleicht ein bisschen heftig. Aber als Künstler musst du schon ein bisschen eine Macke haben, sonst machst du das nicht.“
Was treibt ihn an?
„Was da an Dank zurückkommt, an Schulterklopfen, von den ganzen Auszeichnungen mal abgesehen. Und die Geschichten: Kein Künstler, der in seinem Atelier hockt und Skulpturen hämmert, erlebt das, was ich erlebe.“




Erinnerung im Pflaster: Gunter Demnig verlegt die goldfarbenen Stolpersteine in Frankfurt.

„Deportiert 1943, Auschwitz, Ermordet 29.5.1943“

Aber wer ihm einen Tag lang durch Frankfurt folgt und beim Verlegen der Steine zusieht, dem können Zweifel kommen, ob ihm das tatsächlich so wichtig ist.

Den zweiten Stein des Tages verlegt Gunter Demnig vor einer Villa aus der Gründerzeit, wie sie typisch ist für das Nordend. Einige Angehörige sind gekommen, um ihrer Großmutter und Urgroßmutter zu gedenken: „Hier wohnte Wilhelmine Bartelt, Jahrgang 1888, Deportiert 1943, Auschwitz, Ermordet 29.5.1943.“

Während der Künstler seine Arbeit verrichtet, erzählt der älteste Enkel, Ralph Delhees, das wenige, was er aus dem Leben seiner Großmutter in Erfahrung bringen konnte. Zwangsarbeit in einer Buchbinderei, Verhaftung, Deportation. Bruchstücke eines Lebens, die sich nicht zu einem ganzen Leben fügen wollen.

Die Familie Delhees hat vor Jahren damit begonnen, der Auslöschung von Wilhelmine Bartelt etwas entgegenzusetzen. Sie haben sie in der Halle der Namen in der Gedenkstätte Yad Vashem verewigt, dann ließen sie ihren Namen auf dem Grabstein ihres Mannes anbringen. Und nun verlegen sie einen Stolperstein. Für die Familie ist es ein besonderer Tag. Für Demnig ist es ein Tag wie jeder andere.

Steineverleger aus Berufung

Während Delhees spricht, klingelt Demnigs Handy. Er nimmt ab und stellt sich ein Stück abseits. Delhees, der dagegen ankämpft, dass seine Stimme bricht, redet weiter und dankt dem Künstler, der gerade telefoniert. „Ich kann mir ja nicht hundertmal die komplette Geschichte der Euthanasie anhören“, sagt Demnig ein paar Tage später in Köln-Frechen: „Auf der Straße sollte man eine Redezeitbegrenzung einführen.“

Erinnerung an die jüdische Familie Paul in der Frankfurter Kurt-Schumacher-Straße.

Das Steineverlegen ist für Demnig zwar Berufung, manchmal aber auch einfach nur ein Job. Manch ein Kritiker hält dem Künstler, der 120 Euro pro Stein nimmt, sogar vor, dass er sich mit dem Gedenken bereichere. Er verweist auf Herstellungskosten und Logistik. Der Preis sei angemessen. Und zu seinem Auftreten sagt er, dass er sich mehr als Bauarbeiter denn als Zeremonienmeister sehe. Er verlegt die Steine. Andacht halten sollen die anderen. Deshalb erzählt seine Geschichte als Künstler vielleicht mehr über seinen Antrieb, als es sein Auftreten tut.

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