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Stiftung zur Trauerhilfe : Wir waren, wo Du warst

Helfen jungen Trauernden: Martina Münch-Nicolaidis und Uschi Pechlaner Bild: Müller, Andreas

In der Stiftung Nicoladis Young Wings finden junge Trauernde Hilfe. Alle Helfer und Betreuer sind selbst Betroffene. Sie wissen, wovon sie sprechen. Ein Besuch.

          5 Min.

          Es wird nicht wieder gut. Diese Gewissheit war die einzige Gewissheit, als die Todesnachricht in das Leben von Uschi Pechlaner einschlug und alles, was bislang gewiss schien, in Trümmer legte. Als Ehefrau und Mutter von eineinhalbjährigen Zwillingen und einer siebenjährigen Tochter war sie in den Osterurlaub gefahren, als Witwe und Halbwaisen kamen sie und ihre Kinder zurück. Auch die elf Jahre alte Tochter ihres Mannes aus einer früheren Beziehung war dabei, als Uschi Pechlaner noch vor der Haustür von der Polizei erfuhr, dass ihr Mann gerade auf dem Motorrad tödlich verunglückt war. Sie war mit den Kindern mit dem Auto heimgefahren, ihr Mann mit dem Motorrad.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zunächst ist Uschi Pechlaner weitermarschiert und hat geregelt, was zu regeln war: die Liebe ihres Lebens, den Vater ihrer Kinder beerdigt, Todesanzeigen verschickt, Handyvertrag gekündigt, Krankenkassenformulare ausgefüllt, die Rentenkasse informiert. Ohne ihre Familie und Freunde hätte sie das alles nicht geschafft. Sie hat die trauernden Kinder in den Armen gehalten, immer wieder letzte Kräfte mobilisiert, „das Überlebensprogramm abgespult“, wie sie sagt. Eines Nachts, als wieder ein Tag bewältigt und die Kinder im Bett waren, hat sie sich ins Internet gestürzt mit der Frage: „Kann man das überleben?“

          Das Netz antwortete – und zwar schnell. Uschi Pechlaner stieß auf die Seite der Münchner „Nicolaidis Young Wings Stiftung“, füllte einen Fragebogen mit ihrem Hilferuf aus und schickte ihn in die Nacht. Nach zwei Tagen rief eine Betreuerin der Stiftung an. „Es war so unglaublich tröstlich, mit einem Menschen zu sprechen, der ein ähnliches Schicksal erlitten hat.“ Denn in dieser Stiftung, die jungen Trauernden hilft und in Deutschland wohl einzigartig ist, sind alle Betreuer, die den Erwachsenen beistehen, selbst Betroffene. Sie wissen, wovon sie reden, sie wissen, wovon die Hilfesuchenden reden. Hier gibt es keine netten Worte, die den Schmerz nicht verstehen.

          Wie werden es die Kinder verkraften?

          Nach sechs Wochen kam Uschi Pechlaner das erste Mal in eine Gruppe, in der sich Betroffene mit einer Betreuerin wöchentlich treffen. Als Sozialpädagogin, die selbst als Coach und Beraterin arbeitet, war sie zunächst skeptisch, ob sie sich darauf einlassen könnte. „Aber es war so wohltuend, die Geschichte von anderen zu hören, zu sehen, dass sich bei vielen durch die Gespräche etwas verändert hat und sie das Leben wieder besser angehen können.“ Es wird über alles gesprochen: den unendlichen Schmerz, die Formularflut, die durchwachten Nächte, die Zukunftsängste oder die Frage, ob man denn auch nach Wochen noch Familie und Freunde mit dem eigenen Leid behelligen kann.

          Eine große Sorge war für Uschi Pechlaner wie für alle Betroffene, wie ihre Kinder es verkraften werden, den Vater so sehr zu vermissen und ohne ihn groß zu werden. Doch auch hier bietet die Stiftung Halt. Neben den Erwachsenen im Alter von 20 bis 49 Jahren werden auch Kinder und Jugendliche, die ein Elternteil oder Geschwister verloren haben, betreut. Je kleiner, je spielerischer, je älter, umso mehr können sie sich mit anderen Kindern in den betreuten Gruppen austauschen. Für die Kinder sei es ganz wichtig zu sehen, dass es andere Kinder gebe, denen es genauso gehe, sagt Uschi Pechlaner. So erzählt sie von zwei Schwestern, die neu zu einer Gruppe kamen und sagten: „Die sehen ja aus wie wir!“ Und für die Mütter oder Väter ist es wichtig zu sehen, dass die Kinder gut aufgehoben sind. „Ich war so froh, dass außer mir noch jemand auf meine Kinder schaut, wie sie mit der Trauer zurechtkommen.“

          Uschi Pechlaner, deren Mann 2010 starb, arbeitet seit rund eineinhalb Jahren selbst als Betreuerin für die Stiftung. Bevor sie diese Aufgabe übernahm, hat sie sich gefragt, ob sie nicht in einer Betreuungssituation selbst von ihrer Geschichte „weggeschwemmt“ würde. Doch die Stiftung ermöglichte es ihr durch Fortbildung und Supervisionen zu überprüfen, ob sie schon so weit war, nun als Beraterin andere Betroffene zu begleiten.

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