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Carell über seinen neuen Film : „Meine Rollen müssen mir Angst machen“

  • -Aktualisiert am

Es muss nicht immer komisch sein: Schauspieler Steve Carell überzeugt auch in ernsten Rollen. Bild: The NewYorkTimes/Redux/laif

Der Schauspieler Steve Carell spricht im Interview darüber, wie er es geschafft hat, nicht auf die Rolle des Komikers festgenagelt zu werden und warum er zahllose Gläser Diät-Cola trinken musste.

          6 Min.

          Steve Carell ist einer dieser Komiker, die jenseits ihrer Rollen nicht komisch sind oder sein wollen. Beinahe unscheinbar sitzt er im Zimmer eines Londoner Hotels und wirkt in hellblauem Hemd und Chinohose wie ein sehr höflicher Tourist. Mit Rollen in „Dan – Mitten im Leben!“ oder „Beautiful Boy“ hat Carell schon gezeigt, dass er ein Publikum zum Weinen bringen kann, wenn es von ihm verlangt wird. Das ist auch jetzt in seinem jüngsten Film so, in dem Robert Zemeckis („Forrest Gump“) Regie führte; „Willkommen in Marwen“, der am 28. März in die deutschen Kinos kommt, erzählt die wahre Geschichte des Künstlers Mark Hogancamp, der infolge einer brutalen Hass-Attacke an einem postraumatischen Stresssyndrom leidet und in eine Parallelwelt abtaucht, die er sich aus Spielzeugpuppen baut.

          In Hollywood gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn ein Schauspieler eine Rolle so erfolgreich spielt, dass der Film Millionen einspielt, dann soll er diese Art Rollen so oft wie möglich und immer wieder spielen.

          Stimmt! Genauso funktioniert es.

          Wie haben Sie es geschafft, sich aus dem Rollen-Gefängnis zu befreien?

          Es ist interessant. Du kannst dich aus einem Rollen-Knast befreien und steckst dann schon wieder im nächsten. Nachdem ich so gute Kritiken für meine Rolle als John du Pont in „Foxcatcher“ bekam, hat man mir plötzlich diverse Drehbücher für Filme angeboten, in denen ich Mörder und Serienkiller spielen sollte. Das waren nicht einfach finstere Typen, sondern so richtig üble Psychopathen mit großer Mordlust. Genauso hatte ich es ja vorher mit den Komödien erlebt. Früher konnte ich es mir ja nicht immer aussuchen. Jetzt habe ich einen gewissen Handlungsspielraum und meine Regeln bei der Rollenwahl.

          Und wie lauten die Regeln?

          Eigentlich ist es nur eine Regel, und die lautet: Die Rolle muss mir ein bisschen Angst machen. Dann bin ich bei der Sache, aufgeregt und inspiriert. Es muss auch immer die Möglichkeit existieren, dass ich mit der Sache grandios baden gehe. „Foxcatcher“ war genauso eine Rolle. Die hat mir Angst gemacht. Vor „Beautiful Boy“ hatte ich auch Angst. Denn das Thema ist so finster: Ein Vater, der um seinen drogensüchtigen Sohn kämpft, das ging mir ganz schön an die Nieren. Ich bin selbst Vater zweier Teenager. Die Vorstellung, auch nur einen Teil dessen durchzumachen, was dieser Vater erlebt hat, war beinahe mehr, als ich ertragen konnte. Glücklicherweise haben meine Kinder keine Probleme mit Drogen. Aber ich klopfe jedes Mal auf Holz, wenn ich so etwas sage.

          Sie wollen ein bisschen Angst haben, aber so richtig dann doch nicht. Wo ist für Sie die Grenze?

          Das ist schwer zu sagen. Bisher habe ich die Grenze noch nicht überschritten. Ich will jetzt hier auch nicht zu dramatisch klingen. Letztlich ist es nur eine Rolle in einem Film, oder? Es geht nicht um Leben und Tod. Und ich springe noch nicht einmal an einem Bungee-Seil von einer Brücke. Die Angst ist eine professionelle: Kaufen die Leute mir das ab? Wirke ich ehrlich und aufrichtig?

          Wie haben Sie sich den Weg ins dramatische Fach erkämpft?

          Komischerweise war das kein richtiger Kampf. Es hat nie jemand gesagt, den Comedy-Fuzzi wollen wir nicht in unserem Drama. Meine erste dramatische Rolle war die in „Little Miss Sunshine“, und zu der Zeit hatte ich gerade Erfolg mit „Das Büro“ und „Jungfrau (40), männlich, sucht...“. Ich hatte einfach Glück, dass ich schon relativ früh so eine Rolle spielen durfte.

          Dem Mann, den Sie jetzt in „Willkommen in Marwen“ spielen, wird nach einer traumatischen Gewalterfahrung die therapeutische Behandlung verweigert. Deshalb therapiert er sich mit seiner Kunst selbst. Wann hat Ihr Beruf einen therapeutischen Effekt auf Sie?

          Ich habe Schauspielen nie als Therapie gesehen. Obwohl ich vermute, dass es diesen Effekt haben kann, wenn man andere Menschen spielt. Viele Schauspieler spielen tatsächlich gerne üble Typen, und ich glaube, das tun sie deshalb, weil sie da vor der Kamera ihre finsterste Seite ausleben können, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen hätte. Das ist eine Art Therapie. Ich kann es nicht benennen, aber irgendetwas in mir wird durch meine Rollen ebenfalls behandelt. Trotzdem sehe ich meinen Beruf nie als eine Form von Selbstbehandlung. Das wäre lächerlich. So nach dem Motto:

          O, ich muss spielen und vor der Kamera stehen, um mich gut und normal zu fühlen. Ich bin nicht süchtig nach Schauspielen.

          Ich habe einige Ihrer Kollegen getroffen, die definitiv süchtig danach sind.

          Ja, diese Kollegen gibt es. Aber ich brauche das nicht. Da sind mir andere Dinge wichtiger.

          Welche Dinge sind das?

          Meine Frau und meine Kinder. Um mich gut, sicher und glücklich zu fühlen, brauche ich vor allen Dingen meine Familie. Und das ist der Teil meines Lebens, der sich sehr real und solide anfühlt. Ganz ehrlich? Schauspielen ist einfach nur Spaß. Es ist nicht so, dass ich es nicht als Kunst bezeichnen möchte. Es ist in erster Linie mein Beruf, und ich versuche ihn so gut wie möglich auszuüben. Aber ich will nicht übertreiben, was seine Wichtigkeit angeht.

          Warum sind Sie so schrecklich bescheiden?

          Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen.

          Was meinen Sie?

          Dass Filmemachen keine richtige Kunst ist. Das hört sich so an, als würde ich es nicht ernstnehmen. So habe ich es aber nicht gemeint. Ich liebe meinen Beruf, und ich strenge mich sehr dafür an. Ich bin mir auch nicht sicher, ob mein Verhältnis zum Job in erster Linie etwas mit Bescheidenheit zu tun hat. Ich will nur meine Bedeutung nicht überbewerten. Man fragt mich immer wieder: Was sollen Zuschauer aus diesem Film mitnehmen? Es ist für mich unmöglich, das zu beantworten. Ich wünsche mir, im besten Fall, dass die Zuschauer meinen Film mögen und im Kino eine gute Zeit haben.

          Und wenn es ein Drama ist?

          Dann hoffe ich, die Zuschauer haben irgendetwas gefühlt. Jeder erlebt im Kino etwas anderes. Aber ich werde bestimmt niemandem erzählen, was er in meinem Film fühlen soll. Deswegen ist es so seltsam, auf Interview-Tour für einen Film Werbung zu machen. Da soll ich ständig verbreiten, wie großartig unser Film ist. Aber ob ein Film großartig ist oder nicht, entscheidet doch am Ende immer noch der Zuschauer.

          Ursprünglich wollten Sie Rechtsanwalt werden.

          Ja, das war der Plan. Eine Gerichtsverhandlung ist ja auch eine Art Schauspiel. Und unterbewusst dachte ich wahrscheinlich schon damals, dieser Beruf wäre eine seriöse Art, dieser Leidenschaft nachzugehen und trotzdem einen respektablen Beruf auszuüben. Ich dachte auch, es würde meine Eltern glücklich machen. Denn sie hatten eine Menge in meine Ausbildung investiert. Deswegen hatte ich immer das Gefühl, ich schulde ihnen eine Karriere, auf die sie stolz sein können.

          Wie haben Ihre Eltern dann auf Ihren neuen, vergleichsweise unseriösen Berufswunsch als Schauspieler reagiert?

          Interessanterweise haben sie mich sogar aus der Verantwortung genommen. Als ich mich für das Jurastudium beworben habe, da haben sie sich mit mir hingesetzt und meinten: Du musst das nicht für uns tun. Es ist dein Leben, und du musst etwas finden, das dich glücklich macht. Sie haben mich dann ermutigt, nach Chicago zu gehen und dort einfach mein Glück zu versuchen. Ich hatte mir eine Frist von einem Jahr gesetzt. Das war 1985, und seitdem arbeite ich regelmäßig in diesem Beruf.

          Wie liefen die ersten Jahre in Chicago?

          Ich habe mit ein paar Kumpeln vom College in einer unglaublich billigen WG-Wohnung in einem schrecklichen Teil der Stadt gewohnt und einen Job als Kellner gefunden, während ich zu ersten Castings gegangen bin. Wir haben uns ein uraltes Auto geteilt. Ich hatte nie Geld, war richtig arm. Aber es war großartig, denn ich war jung und hatte die Hoffnung, das zu tun, was ich wirklich wollte. Es war mir erst einmal völlig egal, ob ich mich davon ernähren konnte. Ich hatte gerade genug, um die Miete zu bezahlen und mir ab und an ein Bier leisten zu können. Ich habe mich langsam vom Theater über das Fernsehen vorwärtsgearbeitet, bis ich nach ein paar Jahren nicht mehr kellnern musste. Das waren alles Mini-Schritte, aber immer genug, um den Job nicht hinzuwerfen. Mein Ziel war es, mit der Schauspielerei eine Familie ernähren und meinen Kindern eines Tages das College finanzieren zu können, nicht mehr und nicht weniger. Das wäre für mich auch ein Erfolg gewesen. Und eigentlich bin ich nach Chicago gegangen, um etwas über das Leben zu lernen, nicht, um entdeckt zu werden.

          Warum Chicago?

          Weil es mir weniger Angst gemacht hat als New York oder Los Angeles. Der Druck wäre dort größer gewesen.

          Als Sie Ihre Frau kennengelernt haben, waren Sie ihr Lehrer in einem Schauspiel-Kurs.

          Es war nicht ideal (lacht).

          Wie haben Sie diese Hürde überwunden?

          Sie hat zu der Zeit auch als Barfrau in einer Kneipe gegenüber von „The Second City“ gearbeitet.

          Dem legendären Comedy-Theater.

          Ich habe monatelang nach der Vorstellung in dieser Bar gesessen und unendlich viele Diät-Colas bestellt, um sie zu sehen und mit ihr ins Gespräch zu kommen. Endlich hatte ich dann den Mut, sie nach einem Date zu fragen. Aber glauben Sie mir, es hat ewig gedauert. Wir sind umeinander herumgeschlichen wie die Katze um den heißen Brei. Sie meinte, mir Signale ihrer Zuneigung zu geben und ich ihr. Aber keiner von uns hat diese verstanden. Wir waren beide verdammt schüchtern. Und jetzt sind wir seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet. Es hat funktioniert, sogar sehr gut.

          War der Wechsel ins dramatische Fach ein logischer Schritt? Ihre komischen Rollen hatten auch immer etwas Tragisches.

          Darüber habe ich nie so genau nachgedacht. Aber wahrscheinlich haben Sie recht. Eines meiner großen Idole ist Peter Sellers. Und er hat es immer geschafft, die komischsten, aber eben auch dramatische Rollen mit demselben Engagement zu spielen. In seinen Komödien hat er auch nie im übertragenden Sinne dem Publikum zugezwinkert, um zu signalisieren: Hey, ich bin es doch eigentlich, Peter Sellers. – Er ist ganz in den Rollen aufgegangen, hat versucht, dahinter zu verschwinden. Ich habe immer Sellers im Hinterkopf und versuche, diesem Stil nachzueifern. Natürlich habe ich damit weniger Erfolg als er. Aber das ist meine Inspiration.

          Was ist die nächste Herausforderung?

          Ich werde das Drama-Kapitel erst einmal abschließen. Ich arbeite wieder an einem komischen Stoff. Es soll eine Fernsehserie mit Reese Witherspoon und Jennifer Aniston werden. Danach kommt eine weitere Komödie. Ich bin offen für alles. Hauptsache, ich habe ein bisschen Angst dabei.

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