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Carell über seinen neuen Film : „Meine Rollen müssen mir Angst machen“

  • -Aktualisiert am

Dem Mann, den Sie jetzt in „Willkommen in Marwen“ spielen, wird nach einer traumatischen Gewalterfahrung die therapeutische Behandlung verweigert. Deshalb therapiert er sich mit seiner Kunst selbst. Wann hat Ihr Beruf einen therapeutischen Effekt auf Sie?

Ich habe Schauspielen nie als Therapie gesehen. Obwohl ich vermute, dass es diesen Effekt haben kann, wenn man andere Menschen spielt. Viele Schauspieler spielen tatsächlich gerne üble Typen, und ich glaube, das tun sie deshalb, weil sie da vor der Kamera ihre finsterste Seite ausleben können, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen hätte. Das ist eine Art Therapie. Ich kann es nicht benennen, aber irgendetwas in mir wird durch meine Rollen ebenfalls behandelt. Trotzdem sehe ich meinen Beruf nie als eine Form von Selbstbehandlung. Das wäre lächerlich. So nach dem Motto:

O, ich muss spielen und vor der Kamera stehen, um mich gut und normal zu fühlen. Ich bin nicht süchtig nach Schauspielen.

Ich habe einige Ihrer Kollegen getroffen, die definitiv süchtig danach sind.

Ja, diese Kollegen gibt es. Aber ich brauche das nicht. Da sind mir andere Dinge wichtiger.

Welche Dinge sind das?

Meine Frau und meine Kinder. Um mich gut, sicher und glücklich zu fühlen, brauche ich vor allen Dingen meine Familie. Und das ist der Teil meines Lebens, der sich sehr real und solide anfühlt. Ganz ehrlich? Schauspielen ist einfach nur Spaß. Es ist nicht so, dass ich es nicht als Kunst bezeichnen möchte. Es ist in erster Linie mein Beruf, und ich versuche ihn so gut wie möglich auszuüben. Aber ich will nicht übertreiben, was seine Wichtigkeit angeht.

Warum sind Sie so schrecklich bescheiden?

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen.

Was meinen Sie?

Dass Filmemachen keine richtige Kunst ist. Das hört sich so an, als würde ich es nicht ernstnehmen. So habe ich es aber nicht gemeint. Ich liebe meinen Beruf, und ich strenge mich sehr dafür an. Ich bin mir auch nicht sicher, ob mein Verhältnis zum Job in erster Linie etwas mit Bescheidenheit zu tun hat. Ich will nur meine Bedeutung nicht überbewerten. Man fragt mich immer wieder: Was sollen Zuschauer aus diesem Film mitnehmen? Es ist für mich unmöglich, das zu beantworten. Ich wünsche mir, im besten Fall, dass die Zuschauer meinen Film mögen und im Kino eine gute Zeit haben.

Und wenn es ein Drama ist?

Dann hoffe ich, die Zuschauer haben irgendetwas gefühlt. Jeder erlebt im Kino etwas anderes. Aber ich werde bestimmt niemandem erzählen, was er in meinem Film fühlen soll. Deswegen ist es so seltsam, auf Interview-Tour für einen Film Werbung zu machen. Da soll ich ständig verbreiten, wie großartig unser Film ist. Aber ob ein Film großartig ist oder nicht, entscheidet doch am Ende immer noch der Zuschauer.

Ursprünglich wollten Sie Rechtsanwalt werden.

Ja, das war der Plan. Eine Gerichtsverhandlung ist ja auch eine Art Schauspiel. Und unterbewusst dachte ich wahrscheinlich schon damals, dieser Beruf wäre eine seriöse Art, dieser Leidenschaft nachzugehen und trotzdem einen respektablen Beruf auszuüben. Ich dachte auch, es würde meine Eltern glücklich machen. Denn sie hatten eine Menge in meine Ausbildung investiert. Deswegen hatte ich immer das Gefühl, ich schulde ihnen eine Karriere, auf die sie stolz sein können.

Wie haben Ihre Eltern dann auf Ihren neuen, vergleichsweise unseriösen Berufswunsch als Schauspieler reagiert?

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