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Bewegung gegen Belästigung : Steuerunterlagen wecken Zweifel an Time’s Up

  • -Aktualisiert am

Noch kämpferisch: Oprah Winfrey bei den Golden Globe Awards im Januar 2018 Bild: AP

Steuerunterlagen wecken Zweifel an Time’s Up. Und das ist nicht die einzige Kritik, die an der Bewegung gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz laut wird.

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          Selten hat Hollywood eine Rede so gefeiert wie die von Oprah Winfrey bei den Golden Globes vor knapp drei Jahren. Die kalifornische Filmbranche war einige Monate zuvor vom Vergewaltigungsskandal um Harvey Weinstein erschüttert worden, durch die Bewegung #MeToo wurden fast täglich neue Übergriffe bekannt. „Schon viel zu lange ist Frauen nicht zugehört oder geglaubt worden. Aber jetzt ist die Zeit der brutal mächtigen Männer vorbei. Ihre Zeit ist vorbei. Ihre Zeit ist vorbei“, verkündete Winfrey damals im Beverly Hilton Hotel. Zwei Wochen vor dem Auftritt der Moderatorin und Medienunternehmerin hatten Prominente wie Reese Witherspoon, Meryl Streep und Jennifer Aniston die Bewegung Time’s Up („Die Zeit ist vorbei“) gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ausgerufen. Durch Spenden von Hollywood-Größen wie Steven Spielberg, „Star Wars“-Regisseur J. J. Abrams und Taylor Swift waren innerhalb weniger Tage fast 13 Millionen Dollar für einen gleichzeitig gegründeten Legal Defense Fund zusammengekommen, der prominente und nicht-prominente Opfer bei Klagen gegen mutmaßliche Täter unterstützen sollte.

          Während der Fonds für Rechtsverteidigung inzwischen mehr als 5000 Amerikanerinnen half, sich gegen Belästigung und sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz zu wehren, tritt Time’s Up auf der Stelle. Wie die jetzt veröffentlichte Steuererklärung zeigt, sammelten die Stiftung im Gründungsjahr fast 3,7 Millionen Dollar, gab davon aber nur etwa 300.000 Dollar an den Legal Defense Fund weiter. Die Gehälter, die Time’s Up zahlte, lagen dagegen unerwartet hoch. Lisa Borders, früher Chefin der Nationalen Gesellschaft für Frauenbasketball, bekam als Leiterin der Stiftung im Jahr 2018 mehr als 340.000 Dollar – obwohl sie bereits nach vier Monaten wegen Missbrauchsvorwürfen gegen ihren Sohn Gary „Dijon“ Bowden wieder ausgeschieden war. Marketingchefin Rachel Terrace verdiente 295.000 Dollar, Schatzmeisterin Rebecca Goldman mehr als 250.000 Dollar. Auch Time’s Up Now, die Lobbygruppe der Stiftung, sparte nicht. Laut Steuerunterlagen gab sie 2018 fast 160.000 Dollar für Treffen und Konferenzen aus, unter anderem in einem Luxusresort im kalifornischen Ort Ojai.

          Schauspielerinnen vergessen

          Schon Anfang 2019 wurde der Vorwurf gegen Time’s Up laut, sich vor allem um sich selbst zu drehen. Anlass war ein Video zum ersten Jahrestag der Stiftung. Der Film zeigte Unterstützerinnen wie Reese Witherspoon, Meryl Streep, Natalie Portman und Cate Blanchett, vergaß aber Schauspielerinnen wie Annabella Sciorra und Rosanna Arquette, die die Bewegung mit ihren Anschuldigungen gegen Weinstein losgetreten hatten. „Time’s Up scheint eine elitäre Organisation von genau den Leuten geworden zu sein, die zugelassen haben, dass Weinstein groß wird“, twitterte der Wahlkampfmanager und Journalist Yashar Ali damals. Auch Sciorra, die dem „New Yorker“ über eine Vergewaltigung durch den einstigen Hollywood-Mogul in den Neunzigern berichtet hatte, war verärgert. „Ich hatte nicht erwartet, einbezogen zu werden. Es ist aber schön, dass zumindest einige die ganze Geschichte im Auge haben“, schrieb sie nach Alis Anschuldigungen gegen Time’s Up.

          Auch Oprah Winfrey scheint inzwischen weit weniger kämpferisch als bei den Golden Globes. Vor einigen Monaten trat sie unerwartet als Produzentin der Dokumentation „On the Record“ zurück, die den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch durch den Musikproduzenten und Filmemacher Russell Simmons zeigte. Simmons, Mitgründer des Hip-Hop-Labels Def Jam, wird vorgeworfen, etwa 20 Models, Schauspielerinnen und Filmschaffende vergewaltigt oder sexuell belästigt zu haben. In der Dokumentation, die im Januar beim Filmfestival Sundance Premiere feierte, berichtete die ehemalige Musikmanagerin Drew Dixon, wie Simmons sie 1995 als Angestellte seines Labels vergewaltigte.

          Obwohl Winfrey den Rohschnitt des Films im Sommer 2019 lobte, ließ sie die Regisseure Amy Ziering und Kirby Dick einige Tage vor der Premiere wissen, dass sie sich von dem Projekt zurückziehe. Sie verwies auf angebliche Ungereimtheiten in Schilderungen der mutmaßlichen Opfern. Die „New York Times“, die vor drei Jahren als erste Zeitung Weinsteins Taten öffentlich gemacht hatte, warf der Produzentin dagegen vor, sich Hollywoods Druck gebeugt zu haben. „Frau Winfreys Rückzug ist mehr als ein Disput über das Filmemachen vorausgegangen. Er hatte auch mit einer heftigen Kampagne von Simmons und seinen Unterstützern zu tun, die sie dazu bringen wollten, das Projekt zu stoppen“, schrieb das Blatt. Der 63 Jahre alte Simmons lebt heute auf der indonesischen Insel Bali. Indonesien hat kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten.

          Time’s Up distanzierte sich derweil von „On the Record“. Die Stiftung, teilte Sprecherin Amanda Harrington kurz mit, werbe nicht für Filme oder andere Projekte.

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