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Hilfsorganisation in Indien : Geburtshaus statt Kuhstall

  • -Aktualisiert am

Mit ihren Schülerinnen: Stella Deetjen in Nepal Bild: Back to Life

Aus einem spontanen Entschluss wurde eine Hilfsorganisation: Seit 25 Jahren hilft Stella Deetjen in Indien und Nepal. Mit „Back to life“ errichtet sie Schulen und Geburtshäuser.

          4 Min.

          Wenn bloß nicht immer dieser letzte gefährliche Flug wäre, bis sie in den westlichen Bergen Nepals ist, an der Grenze zu Tibet. Stella Deetjen schüttelt schaudernd den Kopf, die blonden Dreadlocks fliegen. Beim Tee in ihrer Heimatstadt Friedrichsdorf im Taunus berichtet die Entwicklungshelferin vom jüngsten Halbjahr in der Region Mugu, und wie gleich der Start im Mai an den Nerven zerrte.

          Kaum waren sie mit der Twin Otter auf der Bergpiste in Bajura gelandet, da kam die Nachricht aus dem Tiefland: Tara Air 9N-AET ist gegen eine wolkenverhangene Wand des Manapathi (6380 Meter) geflogen, im Wrack auf gut 4000 Meter Höhe 22 Todesopfer. Einen Brechbeutel aus dem Flugzeug, mit dem sie knapp 48 Stunden zuvor unterwegs gewesen war, hatte sie da noch in der Tasche.

          Die Flugzeuge von Tara Air sind veraltet, seit 1997 sind auf der Hauptstrecke von Pokhara nach Jomsom 74 Personen tödlich verunglückt. Aber auf dem Landweg kommt „Back to Life“, so hat Deetjen ihre Hilfsorganisation vor 25 Jahren getauft, nicht zu den Leuten in Mugu.

          Die Region ist eineinhalbmal so groß wie das Saarland und hat 65.000 Einwohner. Die Pisten für die Fahrzeuge verlieren sich, wenn es richtig in die Berge geht. Die kleinen Pferde, die Stella Deetjen wegen einer Knieverletzung diesmal reiten musste, waren nicht ihr Ding: Die seien stur auf der Abgrundseite gelaufen, sagt sie, nur halb im Scherz.

          Anfang 20, allein, mit dem Rucksack

          Stella Deetjen hat die apokalyptischen Reiter gesehen und ihr Lebensglück ge­funden, seit sie im indischen Varanasi (Benares) auf den Treppenfluchten zum Ganges einem Leprakranken begegnete und wusste, dass sie bleiben und helfen muss. „Ich war Anfang 20 und allein mit dem Rucksack unterwegs. Nach meiner Reise wartete ein Studienplatz für Fotografie an einer Designschule in Rom auf mich“, schreibt Deetjen in ihrem Buch „Unberührbar“, in dem sie über die Jahre unter den leprösen Bettlern, über die Straßenklinik, die sie dort aufbaute, über den Schutz für die Schwächsten in einem unerbittlichen ­Kastensystem berichtet.

          Seit 2009 arbeitet sie in Nepal. Aus „Back to Life“ ist nach kleinem Anfang eine veritable Hilfsorganisation geworden, mit jetzt 89 Mitarbeitern in dem Land am Himalaja und fünf in der Bad Homburger Zentrale. Als sie die ersten Male im Bergdorf Loharbada stand und sah, wie die Frauen von Mugus zur Niederkunft das Haus verlassen und im Erdverschlag für die Kuh gebären müssen, allein, ohne jeden Beistand, da wusste sie, dass sie angehen würde gegen das felsenalte Tabu: Die gebärende Frau ist unrein, und wenn sie nicht abgesondert wird aus der Gemeinschaft, bringt die Rache der Berggötter Unheil über Mensch, Vieh und Feldfrucht.

          „Back to Life“ hat in Mugu bislang auch 35 Schulen gebaut, für 27.000 Mädchen und Jungen.
          „Back to Life“ hat in Mugu bislang auch 35 Schulen gebaut, für 27.000 Mädchen und Jungen. : Bild: Back to Life

          Stella Deetjen gewann die Freundschaft der Frauen. Sie gewann das Vertrauen der Männer, die mit eigenen Augen sahen, wie es vorwärts ging mit ihrem Dorf, wie segensreich etwa die Öfen sind, die Deetjen von staunenswert zähen Trägern über die letzten Kilometer hoch ins Dorf schleppen ließ. Jetzt müssen die Frauen nicht mehr mit offenem Feuer kochen und heizen, der Rauch zieht aus dem Dach und legt sich nicht auf die Lunge der Schlafenden. Kleine Solaranlagen geben Licht, wenn die Bergnacht hereinbricht, Plumpsklos lassen den Kot von den Wegen im Dorf verschwinden. Mittlerweile haben 38 Prozent aller Haushalte in Mugu solche Anlagen, 148 Kilometer Wasserleitung sind verlegt.

          Die Männer in Loharbada öffneten sich, als Stella Deetjen und ihre nepalesischen Führungskräfte Achyut Paudel und Dikendra Dhakal mit ihnen über das Unnenn­bare sprachen, die Kuhstall-Geburten. Am Ende brachen die Dorfältesten das Tabu und wagten das grundstürzend Neue, ein Geburtshaus für die Frauen. Mittlerweile hat „Back to Life“ 15 solcher Häuser errichtet. Die Dorf­bewohner arbeiten mit, „Hilfe zur Selbsthilfe“ soll nicht Schlagwort bleiben. Je zwei Hebammen kümmern sich um die Schwangeren und Gebärenden.

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