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Interview mit Mark Hamill : „Dieser Beruf bricht dir das Herz“

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Auf ewig Skywalker: Mark Hamills strahlendste Rolle ist voller Schatten. Bild: AP

Eigentlich träumte Mark Hamill davon, als Charakterdarsteller berühmt zu werden. Doch dann kam „Star Wars“ und damit das Schicksal, auf ewig Luke Skywalker zu sein.

          Vor vier Jahrzehnten spielt Mark Hamill zum ersten Mal Luke Skywalker in einem Film, der „Krieg der Sterne“ heißt und dem man in Hollywood zunächst kaum eine Chance gibt. Es soll eines der erfolgreichsten Abenteuer der Filmgeschichte werden. Jetzt ist Hamill in „Star Wars: Die letzten Jedi“ noch mal in der Rolle seines Lebens zu sehen. Zum Interview im „Four Seasons Beverly Hills Hotel“ in Los Angeles hat er Tochter Chelsea Elizabeth mitgebracht, die ihn als Assistentin unterstützt, und Mischlingshündin Millie, die während des Gespräches zeitweilig auf seinem Schoß sitzt.

          Sie sind mit 26 Jahren über Nacht zum globalen Phänomen geworden. Wie haben Sie diese dramatische Veränderung in Ihrem Leben erlebt?

          Es fühlte sich an, als ob ich im Auge eine Hurrikans lebe. Alles wirbelte plötzlich um mich herum. Aber im Zentrum war es trotzdem relativ still. Ich habe kurz nach „Krieg der Sterne“ einen weiteren Film gemacht und war mit Dreharbeiten beschäftigt. Wäre ich zu dieser Zeit in New York gewesen, hätte es eine ganz andere Dynamik gehabt. Ein paar Tage bevor „Star Wars“ in die Kinos kam, hatten wir einen Promotiontermin in Vancouver, Carrie (Fisher, d. Red.), Harrison (Ford) und ich. Da interessierte sich noch niemand so wirklich für uns. Zwei Tage nach Filmstart flogen wir zurück nach Chicago. Und am Flughafen wartete eine Menschenmenge. Ich sagte zu Carrie und Harrison: Leute, da muss irgendeine Berühmtheit sein. Sehr euch all die Menschen an! Als wir dann näherkamen, stand da ein Mädchen mit Prinzessin-Leia-Frisur, ein anderer trug eine Art Han-Solo-Kostüm. Sie waren angezogen wie wir! Unglaublich.

          Wie verkraftet man so etwas?

          Ich habe versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber Mann, das war nicht einfach. Sie haben uns behandelt wie Rockstars. Und ganz ehrlich? Es war wundervoll! Aber ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Und die sorgen schon dafür, dass du dich nicht zu wichtig nimmst. Und ich bin nie in diese Art von Größenwahn verfallen, zu glauben, all die Fans würden wirklich mich anhimmeln. Sie haben für Luke Skywalker geschwärmt, mit dem ich definitiv wenig Gemeinsamkeiten habe. Ich hasse es ja immer, wenn ich Kindern so etwas erzählen muss. Aber ich bin im wirklichen Leben kein Pilot. Ich finde es sogar unangenehm zu fliegen!

          Sie haben Flugangst?

          Ich mache mir nicht vor Angst in die Hosen. Aber ich fühle mich dabei nicht wohl. Ich sage Kindern immer wieder: „Star Wars“ ist eine große Illusion. Und trotzdem kannst du etwas daraus lernen. Wenn du an dich glaubst, niemals aufgibst und hart arbeitest, kann dein Traum wahr werden. Und dafür steht Luke Skywalker.

          Wie viele Tonnen Liebesbriefe haben Sie damals bekommen?

          Unmengen. Es war überwältigend.

          Haben Sie die wirklich gelesen?

          Natürlich nicht alle. Das wäre ja unmöglich gewesen. Aber es lag mir am Herzen, den Überblick zu behalten. Ab einem gewissen Punkt war die Fanpost so etwas wie Hausarbeiten, die ich jeden Tag erledigen musste. Ich dachte, wenn ich hundert Briefe pro Nacht beantworten kann, muss ich keine Sekretärin engagieren. Ich konnte die Begeisterung der Fans ja verstehen. Weil ich selbst ein Fan war.

          Für wen haben Sie geschwärmt?

          Nachdem ich „A Hard Day’s Night“ gesehen hatte, war ich ein großer Fan der Beatles. Ich war bestimmt genauso verrückt nach ihnen wie all die Mädchen. Ich wollte alles über sie wissen: womit sie ihre Zeit verbringen, wo sie leben, was sie essen. Und als ich selbst berühmt war, konnte ich mich auf gewisse Weise mit ihnen identifizieren. George Harrison wurde einmal gefragt: Wie war es, ein Beatle zu sein? Und seine Gegenfrage lautete: Wie war es, kein Beatle zu sein? Das sagt alles, denn das war ja das einzige Leben, das er kannte. So ging es mir doch auch. Das Leben wird von außen betrachtet seltsam, aber es war meine Realität. Wenn ich am Broadway gespielt habe, standen am Ausgang nicht Zuschauer, die das Stück gesehen hatten, sondern Menschen mit „Star Wars“-Devotionalien, die ich signieren sollte. „Wie hat Ihnen das Stück gefallen?“ – „Welches Stück? Signieren Sie doch bitte mein Laserschwert.“

          Wann kam die Zeit, in der Sie nicht mehr nur Luke Skywalker sein wollten?

          Das Positive mit den manchmal frustrierenden Nebenaspekten war als Gesamtpaket in Ordnung. Wie mein Ego damit klarkommt, dass ich nur wegen dieser einen Rolle in Erinnerung bleiben werde? Wissen Sie, ich habe nicht damit gerechnet, dass man sich an mich überhaupt jemals wegen irgendetwas erinnert. Wenn die Leute also trotzdem noch meinen Namen kennen, aus welchem Grund auch immer, ist das doch mehr, als ich hoffen konnte. Und ich bin lieber wegen einer Rolle populär, die positiv besetzt ist. Stellen Sie sich vor, ich wäre als Adolf Hitler bekannt geworden oder als Charles Manson. Das wäre ein echtes Drama gewesen. Luke repräsentiert für viele Menschen Hoffnung. Und das war damals wie heute eine gute Sache.

          Waren Sie der Held, den das Amerika der Post-Vietnam-Ära brauchte?

          Wir lebten in einer Zeit moralischer Doppeldeutigkeit. Im Kino sah man Geschichten wie die eines Kriegsveteranen, der desillusioniert aus Vietnam zurückkehrt, dessen Frau vergewaltigt wird und der dann auf einen großen Rachefeldzug geht. Das war all dieser

          „Rambo“-Nonsens. Das spiegelte die amerikanische Psyche. Bei uns herrschten, wie in einem Märchen, klare Verhältnisse. Der Gute war sogar weiß gekleidet und der Böse schwarz. Eigentlich war unsere Geschichte so kitschig, dass man sie in diesem schillernden Science-Fiction-Universum verorten musste, um sie überhaupt erzählen zu können.

          Sie haben anschließend sämtliche Rollen, die Skywalker ähnlich waren, abgelehnt. Bereuen Sie das heute?

          Nein, das war für mich ein logischer Schritt. Leider habe ich nur die Rollen, die ich spielen wollte, nicht bekommen.

          Luke, Leah und Solo: Mark Hamill an der Seite seiner Kollegen Carrie Fisher und Harrison Ford

          Welche waren das?

          Ich hätte wahnsinnig gern Mozart in Miloš Formans „Amadeus“ gespielt. Ich hatte die Rolle doch bereits am Broadway gespielt und dachte, ich hätte gute Chancen. Irgendwann war klar, dass Forman mich nicht wollte. Ich habe ihn dann direkt darauf angesprochen. Und er antwortete mit seinem wunderbaren tschechischen Akzent: Weil niemand glauben würde, dass Luke Skywalker Mozart ist. Diese Rolle hat meine ganze Karriere dominiert. Aber glauben Sie mir, es gibt Schlimmeres.

          Wie haben Sie sich damit arrangiert?

          Ich wollte immer Charakterdarsteller sein. Ich habe immer alles gegeben, egal ob ich auf der großen Bühne stand oder am Off-Broadway vor 900 Zuschauern gespielt habe. Irgendwann war ich dann ja als Sprecher sehr erfolgreich, zum Beispiel in der Rolle des Joker in den Batman-Trickfilmen. Da konnte ich dann ganz in der Rolle verschwinden, weil man mich nicht einmal sehen konnte. Das hatte etwas Befreiendes.

          Als Sohn eines U.S. Navy Captains mussten Sie in ihrer Kindheit ständig umziehen. Wie hat Sie das geprägt?

          Ich musste mich ständig neu erfinden. Und immer wenn ich neue Freunde gefunden hatte, konnte ich mich schon wieder verabschieden. Das war schwer. Und wenn ich gerade herausgefunden hatte, was in San Diego gerade cool ist, wie man spricht oder sich anzieht, zogen wir an die Ostküste. Da waren dann wieder ganz andere Sachen angesagt. Ich war immer der Außenseiter und führte die Existenz eines Chamäleons. Alles, was ich wollte, war dazuzugehören. In zwölf Jahren bin ich auf neun verschiedene Schulen gegangen! Das will ich niemandem wünschen. Deshalb habe ich mir schon damals vorgenommen: Sollte ich mal eine Familie haben, werde ich sie das nicht durchmachen lassen. Und nun sehen Sie, was aus mir geworden ist: ein Schauspieler, der mit jedem neuen Job ständig reisen muss.

          Wie militärisch war die Erziehung Ihres Vaters?

          Er war schon ein Zuchtmeister und streng. Meine Mutter hatte dagegen eine weiche Seite, wenn es um meine seltsamen Vorlieben ging. Ich habe damals mit meinem kleinen Kassettenrecorder Dracula-Filme aufgenommen und Bela Lugosi imitiert. Meine Mutter sagte dann sanft: „Schatz, es ist toll, dass du das kannst. Aber es wird dir später im Leben nicht weiterhelfen.“ Ich liebte Comics und baute kleine Frankenstein-Figuren, während mein älterer Bruder Arzt werden wollte. Ich habe dann einmal ein Gespräch meiner Eltern belauscht, in dessen Verlauf mein Vater fragte: „Sue, was haben wir mit diesem Kind falsch gemacht?“ Denn sie dachten ernsthaft, ich sei verrückt. Ich zog dann im Sommer 1969 nach L.A. und lebte auf der Laurel Avenue, wo ganz in der Nähe die Manson-Morde geschahen. Ich wohnte ganz allein in diesem winzigen Einzimmerapartment und hatte fürchterliche Angst. Ich besaß nicht mal ein Telefon, Fernseher oder Plattenspieler. Ich hatte lediglich eine Lampe. Und da dachte ich: Vielleicht hatten meine Eltern doch recht?

          Würden Sie Ihren Beruf weiterempfehlen?

          Nein. Ich werde ja oft als Gastdozent in Schauspielschulen eingeladen. Und da versuche ich immer, jungen Menschen die Schauspielerei auszureden.

          Warum?

          Weil dir dieser Beruf das Herz bricht. Selbst wenn man talentiert ist, macht einen diese permanente Zurückweisung fertig. Irgendetwas passt immer nicht. Du bist zu groß, zu klein, zu dünn, zu fett, die Farbe deiner Haut passt nicht oder sie finden deine Zähne hässlich. Es ist verrückt. Die Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben, ist minimal. Wenn es irgendetwas anderes gibt, das du kannst und das dich begeistert, mach es.

          Hätten Sie diesen Rat befolgt?

          Natürlich nicht. Aber wenn es sich jemand partout nicht ausreden lässt, sind die Chancen, als Schauspieler zu überleben, zumindest etwas größer. Und es war mir dann auch egal, ob ich es schaffe. Ich dachte, wenn es mit der Schauspielerei nichts wird, kann ich immer noch Set-Caterer werden. Dann bin ich nicht in der Show, aber wenigstens nah dran. Und ich wäre selbst als Ticketverkäufer glücklicher als in einem Büro.

          Ist diese unwiderstehliche Leidenschaft für das Showgeschäft die „Macht“ in Ihrem Leben?

          Die „Macht“ in meinem Leben war diese wilde Entschlossenheit, die mich dazu motiviert hat, die Sache durchzuziehen, um jeden Preis. Auf der Schauspielschule haben sie alles getan, um mich zu dekonstruieren. Man hat mich nicht auf die Bühne gelassen und mich stattdessen mit langweiligem Unterricht über die Geschichte des griechischen Theaters gequält. Aber egal, welchen Brocken sie mir in den Weg gesetzt haben, ich wollte ihn überwinden. Und ich musste auf der Schule bleiben, weil ich nicht nach Vietnam wollte. Und dann war da auch noch die Liebe. Ich hatte das unglaubliche Glück, meine Frau zu finden.

          Vorher hatten Sie kein Glück in der Liebe?

          Vorher lebte ich mit einer Frau zusammen, die in einer Seifenoper meine Schwester spielte. Und sie war genauso verrückt wie ich. Zwei Schauspieler in einer Beziehung, das ist der reinste Zündstoff. Das konnte nicht gutgehen. Als ich meine zukünftige Frau traf, war sie Dentalhygienikerin und wunderbar geerdet. Sie konnte mir die Sicherheit geben, die ich in meinem Privatleben brauche. Wenn ich genau darüber nachdenke, ist sie die eigentliche „Macht“ in meinem Leben. Denn mit ihr an meiner Seite kann ich den größten Mist ertragen. Selbst wenn man mir den blödesten Job anbietet, eine Rolle in einem beschissenen Horrorvideo oder etwas in der Art. Mit ihr stehe ich das durch. Ich habe Filme gemacht, die eigentlich ein Zeichen sein sollten. Wenn du später nicht die geringste Lust verspürst, den Film zu sehen, in dem du mitgespielt hast, dann läuft etwas verdammt falsch.

          Warum haben Sie die Filme gemacht?

          Weil ich das Geld brauchte. Ich habe ein paar Filme nur wegen des Honorars gemacht. Und ich dachte, die werden schon irgendwie in Vergessenheit geraten. Da konnte ich ja noch nicht ahnen, dass sich das Internet in diese Richtung entwickeln würde. Heute findest du alles online.

          Ist es nicht etwas surreal, Luke Skywalker nach vierzig Jahren noch einmal zu spielen?

          Es ist eigenartig, eine unerwartete Überraschung. Aber irgendwie ergibt es in der Logik von „Star Wars“ auch Sinn. Ich habe auch gar nicht lange gepokert, als man mich gefragt hat. Ich habe sofort zugesagt. Wahrscheinlich war das ein Fehler. Ich hätte mit gespieltem Zögern meine Gage hochtreiben sollen. Aber ich war einfach zu enthusiastisch. Was für ein großartiges Ensemble! Ich dachte: Wie haben die Benicio del Toro bekommen? Der ist Oscar-Preisträger, warum macht der „Star Wars“?

          Sir Alec Guinness war auch Oscar-Preisträger.

          Stimmt. Und ich habe ihn damals auch gefragt, warum er Obi-Wan Kenobi spielen wollte. Er antworte: Ich wollte immer einen Zauberer in einem Märchen für junge Leute spielen.

          Ihre Kollegin Carrie Fisher ist kurz nach den Dreharbeiten gestorben.

          Es ist schrecklich. Denn wir kannten uns wirklich gut und waren Freunde. Wir haben uns vertraut. Und der Film bekommt dadurch eine Art Melancholie, die er nicht verdient. Es klingt egoistisch, aber ich bin deswegen wütend auf sie. Denn ihr Timing war eigentlich immer perfekt, bis auf dieses eine Mal. Sie sollte jetzt immer noch hier sein.

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