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Spurensuche in Börnersdorf : Wie Heidemann Hitlers Tagebücher nicht fand

Im sächsischen Börnersdorf recherchierte Stern-Reporter Gerd Heidemann 1983 nach den Hitler-Tagebüchern. Was er herausfand, war dürftig, doch die Zeitschrift „Stern“ machte es zum „journalistischen Coup des Jahrhunderts“. Ein Skandal nahm seinen Anfang.

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          Werner Leuteritz steht an der Einfahrt seines Hauses. Den Griff des geflochtenen Einkaufskorbs umfasst er mit beiden Händen. Er hält Ausschau nach der fahrenden Bäckersfrau, die jeden Moment mit ihrem Verkaufswagen erscheinen muss.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Börnersdorf liegt in der Sächsischen Schweiz, kaum eine halbe Autostunde von Dresden entfernt. Romantisch fließen die grünen Wiesen der Bauerngüter bis zur Landstraße hin. Ein Bächlein gluckert fröhlich. Eine der wenigen Abwechslungen unter der Woche ist der Besuch der Bäckerin.

          Unruhig trippelt Leuteritz hin und her. Erst muss er sein Brot kaufen. Dann sei er gern zum Gespräch bereit über den Flugzeugabsturz, Börnersdorf und die Hitler-Tagebücher.

          Kujaus Handschrift: Eine gefälschte Tagebuchseite
          Kujaus Handschrift: Eine gefälschte Tagebuchseite : Bild: AP

          „Bravourstück wie Watergate“

          Als vor 25 Jahren die Zeitschrift „Stern“ ihre Geschichte von den Hitler-Tagebüchern als „größten journalistischen Coup der Nachkriegszeit“ präsentierte, spielte Börnersdorf eine wichtige Rolle. Durch den Sensationsfund in der DDR-Provinz müsse die Biographie des Diktators und des „Dritten Reiches“ in großen Teilen umgeschrieben werden, tönte das Blatt.

          Was weder einer ganze Historiker-Generation beim Durchkämmen der Archive noch Tausenden Agenten der vier Besatzungsmächte gelungen sei, habe nun der „Stern“-Reporter Gerd Heidemann vollbracht. Den britischen Historiker Hugh Trevor-Roper zitierte die Illustrierte mit den Worten, er halte Heidemanns Fund für „das bedeutsamste zeitgeschichtliche Ereignis des letzten Jahrzehnts“ und für „ein Bravourstück wie Watergate“.

          Notlandung in Baumwipfeln

          Tatsächlich wird schon aus diesem ersten Artikel für jeden aufmerksamen Leser deutlich, dass Heidemann, der damals einen guten Ruf als Rechercheur und erfahrener Reporter hatte, nur die näheren Umstände eines Flugzeugabsturzes im „Heidenholz“ bei Börnersdorf ergründen konnte.

          Die Junkers 352 von Fliegermajor Friedrich Anton Gundelfinger war auf ihrem Weg von Berlin nach Bayern in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945 beim Versuch einer Notlandung an den Baumwipfeln nur wenige Meter vor einer Lichtung hängen geblieben, hatte sich überschlagen und war schließlich auf einem Acker zerschellt.

          Geheimes Material aus Berlin

          Werner Leuteritz stellt seinen Einkaufkorb vor sich auf den Weg und deutet auf einen grünen Hügel. „Dort hinten quoll plötzliche eine dicke Rauchschwade hervor.“ Natürlich habe ihn, im April 1945 zwölf Jahre alt, und die anderen Jungs da nichts mehr gehalten.

          „Wir mussten wissen, was los ist.“ Am „Heidenholz“ sahen Leuteritz und seine Freunde dann nur noch einen brennenden Schrotthaufen und rings darum einige Tote. Aufgeregt hätten einige Erwachsene aus dem Dorf versucht, sie fernzuhalten.

          Etwas mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später ist der Flugzeugabsturz für Gerd Heidemann das fehlende Verbindungsstück in seiner Recherche. In einem Buch war der „Stern“-Reporter auf den Namen Gundelfinger gestoßen, der in seinem Flugzeug Personen und angeblich geheimes Material aus Berlin ausfliegen sollte.

          Nazi-Dokumente eines DDR-Generals

          Im Oktober 1980 findet Heidemann heraus, dass Gundelfinger nicht wie bisher angenommen im bayerischen Wald, sondern in Börnersdorf abgestürzt ist. Heidemann wertet dies als Indiz für die Glaubwürdigkeit des Stuttgarter Militaria-Händlers Konrad Kujau.

          Der will seine brisanten Nazi-Dokumente - darunter auch ein Hitler-Tagebuch - von seinem Bruder, einem DDR-General illegal bezogen haben und behauptet, weitere Tagebücher beschaffen zu können.

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