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Spurensuche in Börnersdorf : Wie Heidemann Hitlers Tagebücher nicht fand

Zwei Mal reist Heidemann - von Offizieren der Staatssicherheit begleitet - nach Börnersdorf. Beim ersten Mal logiert die um den „Stern“-Redakteur Thomas Walde verstärkte merkwürdige Recherchegruppe im Dresdner Touristenhotel „Königstein“.

Die Stasi hilft mit

Auf dem Börnersdorfer Friedhof stößt Heidemann auf die Gräber des Piloten Gundelfinger und der anderen beim Absturz ums Leben gekommenen Soldaten. „Thomas Walde schreibt die Namen der Toten von den Grabkreuzen ab. Am Anfang wollen die beiden Stern-Reporter nicht zu viele Fragen stellen“, heißt es geheimnisvoll im April 1983 in der Illustrierten.

Tatsächlich muss Heidemann erst mit der Stasi abklären, ob er in Börnersdorf Ortsansässige befragen darf. Dieser Wunsch wird ihm wenig später gewährt - wieder hat die Stasi minutiös und konspirativ Vorbereitungen getroffen.

Logiert wird diesmal in einem Jagdhaus der Stasi nahe der tschechischen Grenze. Heidemann solle mit der Legende auftreten, er sei mit einem der Absturzopfer verwandt. Auch „Zielpersonen“ hat man für den „Stern“-Reporter schon ausfindig gemacht.

„Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand“

Diskret geht die Aktion in dem kleinen Ort aber nicht vonstatten. Werner Leuteritz erinnert sich an den Aufruhr. Sein Bruder Helfried berichtet, dass die Staatsicherheit damals sogar Teile des Dorfs abgesperrt habe.

Detailverliebt breitet der „Stern“ die Ergebnisse der gemeinsam mit der Stasi unternommenen Börnersdorf-Recherche unter der Überschrift „Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand“ aus.

Doch selbst die zitierten Aussagen der von Heidemann befragten Leute taugen nicht als Nachweis für die Existenz der Hitler-Tagebücher. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass zumindest ein großer Teil der Fracht vernichtet wurde.

Die perfekte Legende

Trotzdem heißt es im reißerischen „Stern“-Artikel, Hitlers geheimste Dokumente, einzigartige Zeugnisse der NS-Zeit seien bei einer Spurensuche in der Provinz entdeckt worden. „Die Hinweise haben gestimmt. Die Bücher existieren.“

Erst seien die Tagebücher in der Umgebung von Börnersdorf versteckt, dann von einem deutschen Offizier sichergestellt worden. „Die Namen derer, die Hitlers Tagebücher im April 1945 geborgen haben, sowie die Aufbewahrungsorte und die Wege der Bücher in den Westen wird der Stern nicht nennen. Die Finder haben zur Bedingung gemacht, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt.“

Es ist die perfekte Legende für Konrad Kujau, den Fälscher. Die Recherche-Ergebnisse aus Börnersdorf, über die ihn Heidemann früh informiert, baut Kujau so geschickt und phantasievoll in seine Geschichte von der geheimen Bezugsquelle in der DDR ein, dass sich der „Stern“-Journalist dadurch umso mehr bestätigt sieht.

Sechzig Bände „Hitler“

Recherchen über den schillernden Militaria-Händler stellen weder Heidemann noch sonst jemand vom „Stern“ an. Über Jahre hinweg kann Kujau dem „Stern“ seine Falsifikate zu horrenden Preisen verkaufen, ohne jemals befragt zu werden.

Am Ende waren es rund 60 Bände „Hitler“ und noch viele weitere angebliche Originale. Naheliegende wissenschaftliche Untersuchungen, etwa zum Alter des Papiers, unterbleiben. Gutachter vergleichen die Schrift Hitlers mit „Original“-Schrifstücken, die ebenfalls aus der Hand Kujaus stammen.

Nur wenige Tage nach der ersten Veröffentlichung fällt deshalb das Kartenhaus in sich zusammen. Statt sich für „ein journalistisches Bravourstück wie Watergate“ feiern lassen zu können, erleben Heidemann und der „Stern“ ihr journalistisches Waterloo.

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