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Sprung aus 36.500 Metern : Am Fallschirm zwischen Schönheit und Tod

  • -Aktualisiert am

Der Erde entgegen: Felix Baumgartner während seines Testsprungs aus 29 Kilometern im Juli in der Wüste New Mexicos Bild: dpa

Joe Kittinger hat vor 52 Jahren mit einem Sprung aus 31 Kilometern den Rekord im Freifall aufgestellt. Der Österreicher Felix Baumgartner will ihn nun brechen - und mit mehr als 900 Kilometern in der Stunde der Erde entgegen rasen.

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          Als Joseph Kittinger vor mehr als 50 Jahren als erster Mensch an der Schwelle des Weltalls saß und zwölf Minuten lang darauf wartete, dass sein Ballon über den Landeplatz für den höchsten Fallschirmsprung aller Zeiten driftete, überkamen ihn gemischte Gefühle. „Da sitzt du auf einer Veranda, 31 Kilometer über der Erde“, erinnert sich der rüstige Rentner in seinem Haus in der Nähe von Orlando an den Moment, in dem im August 1960 sein Job als Testpilot des Air-Force-Projekts Excelsior kulminierte. „Du kannst 650 Kilometer in jede Richtung sehen, und es ist wunderschön. Da ist die Erde, da der Horizont und dort die Schwärze über dir.“

          Und doch ist man umgeben vom Tod. Die Außentemperatur beträgt dort oben minus 70 Grad, es herrscht ein so geringer Druck, dass das Blut ohne den Schutz eines Druckanzugs zu kochen begänne. Immer wieder, sagt Kittinger, habe ihm sein Projektleiter John Paul Stapp eingeschärft, er solle sich vorstellen, von Arsen umgeben zu sein. Kittinger lehnt sich in seinem Holzstuhl an der Stirn eines massiven Esstischs zurück und lächelt versonnen. „Auf der einen Seite diese unglaubliche Schönheit, auf der anderen der Tod.“

          Mit der Reisegeschwindigkeit eines Jumbojets

          Und nun berät Kittinger den Mann, der seinen Rekord einstellen will: Am 8. Oktober will der Österreicher Felix Baumgartner aus 36.500 Metern über New Mexico abspringen und so den höchsten Sprung aller Zeiten absolvieren. Bislang ist es niemandem gelungen, Kittingers Rekord zu brechen. Im angrenzenden Billardzimmer fällt das frühe Morgenlicht auf ein Foto im Gemäldeformat, das Kittinger Sekundenbruchteile nach dem Absprung zeigt. Rings um den Billardtisch hängen Bilder von Flugzeugen und Ballons. Eine Glastür dahinter führt in den Garten, in dem Kittinger Orangenbäume gepflanzt hat, von hier konnte er die Shuttle-Starts im nahen Cape Canaveral beobachten. Zur Linken wirft ein gewaltiger Avocado-Baum seinen Schatten über den saftigen Rasen, an der Tür hängt eine amerikanische Flagge - ein kleines Paradies auf Erden. „Es gab nur einen Weg dorthin, wo ich sein wollte“, schreibt Kittinger in seiner Autobiographie „Come up and get me“ über seinen Sprung aus dem All, „das war der schnellste Weg nach unten.“

          Als Kittinger im August 1960 aus 31.333 Metern absprang, erreichte er 988 Kilometer pro Stunde, das entspricht der Reisegeschwindigkeit eines Jumbojets. „Man merkt natürlich nicht, wie schnell man ist, weil es keine Referenzpunkte gibt, keine Markierungen, an denen man vorbeirast.“ Er war damals 32 Jahre alt, Testpilot der Airforce, hatte gerade 33 Fallschirmsprünge absolviert und stieg nicht in einer Druckkapsel, sondern einer offenen Ballongondel in die Höhe, durch nichts als einen Druckanzug geschützt. Kittinger tat es nicht, um einen Rekord aufzustellen. Das Projekt Excelsior war eine wissenschaftliche Unternehmung zur Erforschung der Bedingungen am Rande des Weltalls und womöglich notwendigen Evakuierungen aus großer Höhe. „Wir wussten, dass wir den Weltraum bereisen würden, und wir brauchten Informationen.“

          Das Problem mit Evakuierungen aus großer Höhe ist, dass der freie Fall in Abwesenheit von stabilisierenden Reibungskräften zu einem lebensgefährlichen Trudeln führen kann, dem gefürchteten „flat spin“ mit Drehgeschwindigkeiten von mehr als 300 Kilometern je Stunde. Kittinger bekam selbst eine Kostprobe davon, als er bei einem Probesprung 1959 nicht gleich aus dem Ballonkorb freikam. „Der Fallschirm öffnete sich wie geplant 16 Sekunden nach dem Auslösen, aber ich war erst zwei Sekunden gefallen und hatte noch nicht die nötige Geschwindigkeit zur Entfaltung des Bremsfallschirms erreicht, der das Trudeln verhindern sollte.“

          Gefürchtete, ekstatische Gefühle

          Der Schirm wickelte sich um seinen Hals, und obwohl sich Kittinger zunächst stabilisieren konnte, geriet er schließlich doch in Trudeln. „Die Fliehkraft war so stark, dass ich meine Arme nicht anziehen konnte, um mein Höhenmessgerät am Handgelenk zu überprüfen.“ Er verlor das Bewusstsein und überlebte nur, weil sich sein Hauptschirm automatisch öffnete. Das entmutigte ihn nicht. Kittinger wurde bei seinem General vorstellig, um die Erlaubnis zu einem weiteren Versuch zu erbitten. „Ich habe soeben demonstriert, was das Problem bei einer Evakuierung aus großer Höhe ist, und wir können es beheben“, sagte er. Sein Chef gab dem Wunsch widerwillig nach.

          Joe Kittinger umfasst sein Wasserglas und wirft einen Seitenblick auf seine Frau Sherry, die in der Küche werkelt. „Man guckte unser Projekt schief an. Warum wollten wir überhaupt ins Weltall fliegen? Die Leute waren sich sicher, dass das Ganze schief gehen und ich umkommen würde. Zum Glück schottete uns Colonel Stapp von der Außenwelt ab, damit wir nicht aus der Ruhe gerieten.“

          Es ist kein Kunststück, am Rande des Weltalls, abgeschnitten von der Welt und am Leben gehalten nur durch den Druckanzug, aus der Ruhe zu geraten. Schon am Boden ist der Anzug eine klaustrophobische Umgebung. Felix Baumgartner selbst überkam bei einem Probelauf vor ein paar Monaten im Anzug die Panik. „Eine ganz normale Reaktion“, sagt Kittinger. „Baumgartner ist kein Testpilot, wie ich es war.“ Kittingers Rat an den Extremsportler: „Du musst die Dinge, die dir Angst machen, immer wieder tun, bis du dich daran gewöhnst.“ Die ekstatischen Gefühle, die einen in solchen Höhen überkommen können, sind gefürchtet.

          Gut gemacht, Junge: Joe Kittinger (l.) umarmt Felix Baumgartner nach dem Test im Juli
          Gut gemacht, Junge: Joe Kittinger (l.) umarmt Felix Baumgartner nach dem Test im Juli : Bild: dapd

          1966 kam der Abenteurer Nick Piantanida bei dem auf eigene Faust unternommenen Versuch eines Fallschirm-Höhenrekords ums Leben, als sein Helm auf 17000 Metern dekomprimierte. Es wird spekuliert, dass er sich im Begeisterungstaumel die Maske vom Gesicht gerissen haben könnte. Kittinger hatte bei einem Testflug 1957 am Boden helle Aufregung hervorgerufen, als er nach dem Rückkehrbefehl seines Majors in mehr als 27 Kilometer Höhe die Meldung absetzte: „Kommt doch und holt mich!“ Aber er hatte nicht den Verstand verloren. Tatsächlich war die Landung schon eingeleitet. Er wollte bloß einem ungeliebten Vorgesetzten einen Schrecken einjagen.

          „Der Weltraum ist eine unbarmherzige Umgebung“

          Joe Kittinger gehört zur aussterbenden Generation von Haudegen. Wie kaum ein anderer war er darauf trainiert, die Nerven zu behalten. Das kam ihm vielfach zugute: bei ersten Testfahrten mit einem Hochgeschwindigkeitsschlitten, später in Kriegsgefangenschaft in Vietnam, dann bei einer Solo-Überquerung des Atlantiks in einem Ballon und schließlich, als bei seinem Rekordsprung 1960 sein rechter Druckhandschuh versagte. Anders als Baumgartner war er nicht in einem Einteiler unterwegs, sondern in einem Stück, das aus Anzug, Handschuhen und Stiefeln bestand. Auf 12.000 Metern merkte er, dass der rechte Handschuh keinen Druck aufbaute. „Ich wusste, dass die Hand anschwellen würde, dass ich wohl Schmerzen aushalten müsste“, sagt Kittinger. „Aber hätte ich das dem Doc am Boden mitgeteilt, hätte er den Versuch abgebrochen. Es wäre ein willkommener Grund gewesen, die ganze Sache abzublasen. Es gab ohnehin schon genug Widerstand gegen das Projekt.“ Also biss er die Zähne zusammen und hielt durch.

          Natürlich ist ihm klar, dass die Dinge heute anders liegen. Baumgartners Sprung ist auch ein gut durchdachtes Sponsorenspektakel, mit dem Red Bull sich wieder einmal mit dem Extremsportler-Image schmückt - Kittinger trägt selbst das Red-Bull-Logo auf der Brust. „Aber eins hat sich nicht verändert“, sagt er. „Der Weltraum ist noch immer noch eine unbarmherzige Umgebung für Menschen, die an die Schwerkraft gewöhnt sind.“

          Kittingers wollte immer nur fliegen. Er wuchs in den Zypressenwäldern rund um den St. Johns River östlich von Orlando auf, und früh packte ihn die Begeisterung für das Leben draußen. Seine Outdoor-Kindheit, so sagt er, habe seine Abenteuerlust geprägt. „Das All ist ja die vielleicht größte Ausdehnung von ,draußen’.“ Aber als Versuchskaninchen des Projekts Excelsior gab er den Traum auf, Astronaut zu werden. Wenn er ins Weltraumprogramm der Nasa aufgenommen würde, so sein Chef, würde es das Projekt Excelsior um Jahre zurückwerfen. Kittinger entschied sich zum Verzicht. „Ich habe das nie bereut“, sagt er, „weil ich überzeugt war, das wir etwas sehr Wichtiges taten.“ Der Bremsfallschirm, dessen Wirkung Kittinger testete, ist bis heute im Einsatz.

          Testsprung aus 29 Kilometern

          Unendlich oft ist er im vergangenen halben Jahrhundert nach seiner Expertise gefragt worden. „Aber die hatten alle keine Ahnung von der Herausforderung. Sie wollten einfach nur den Rekord brechen.“ Kittinger lehnte die Anfragen ab, auch die von Nick Piantanida, der bei seinem Versuch ums Leben kam. „Wer glaubt, er wisse schon alles, kommt bei so einem Versuch um.“ Er weiß, wovon er spricht. Als im Januar 1967 bei einem Testlauf in der Kommandokapsel der Mission „Apollo1“ Feuer ausbrach, kamen Gus Grissom und Ed White ums Leben, zwei Freunde Kittingers. Er hatte die Nasa davor gewarnt, mit einer hochentzündlichen hundertprozentigen Sauerstoff-Atmosphäre in der Kapsel zu arbeiten. Sie solle ein Gasgemisch benutzen, mit dem die Air-Force-Ingenieure experimentiert hatten. „Aber man war der Ansicht, die Nasa-Ingenieure seien so klug, dass ein Funke in der Kapsel ausgeschlossen werden könnte.“

          Den Leuten von Red Bull sagte er, dass für Baumgartners Mission zwei Testsprünge notwendig seien. „Sie hörten zu und nahmen in Kauf, dass sich die Kosten des Projekts damit verdreifachten“, sagt Kittinger. „Das hat mich beeindruckt.“ Im März absolvierte Baumgartner einen Testsprung aus 75.500 Fuß, im Juli folgte ein weiterer Sprung aus 29.610 Metern, bei dem er eine Geschwindigkeit von 864 Kilometern in der Stunde erreichte. Am Montag nächster Woche will Baumgartner nun seinen Rekordsprung absolvieren - über dem Roswell Army Air Field in New Mexico, wo auch schon Kittinger absprang.

          Roswell ist ein Synonym für vermeintliche Alien-Landungen, die nach Ansicht von Verschwörungstheoretikern von der amerikanischen Regierung bis heute vertuscht werden. Kittinger hat seine eigene Version. In „Come up and get me“ beschreibt er einen Ballon-Testflug, der mit einer Bruchlandung endete. Einer seiner Kollegen trug trotz seines Helms ernste Kopfverletzungen davon und wurde mit einem grotesk geschwollenen Schädel ins Gebäude geführt. Wenige Tage später waren überall Geschichten über ein außerirdisches Wesen mit riesigem Kopf zu lesen, das in Roswell von Air-Force-Leuten abgeführt wurde. Die Frage, ob da draußen tatsächlich intelligentes Leben existiert, beantwortet Kittinger mit einem entschiedenen „vielleicht“. Im Juli hat Jose Kittinger seinen 84. Geburtstag gefeiert. Wenn Baumgartners Projekt abgeschlossen ist, wird es auch für ihn sicher wieder etwas Neues geben. „Ich liebe Herausforderungen“, sagt er

          Felix Baumgartners Mission

          Was treibt einen Menschen mit nichts als einem Druckanzug an die Grenze des Weltalls? Im Fall von Felix Baumgartner mag es vor allem sportlicher Ehrgeiz sein - der Dreiundvierzigjährige hat sich unter anderem schon von den Petronas Towers in Kuala Lumpur gestürzt und damit den Rekord für den höchsten Fallschirmsprung von einem Gebäude aufgestellt. Er ist von der Hand der Christus-Statue in Rio de Janeiro gesprungen und hält damit den Rekord für den niedrigsten Base-Jump. Aber der Sprung von der Kante des Weltalls soll der Karriere des Extremsportlers die Krone aufsetzen. Der Getränkehersteller Red Bull, der das Projekt sponsert, hat eine umfangreiche Medienkampagne um den Sprung gestrickt, mit dem Baumgartner eine ganze Reihe von Rekorden ins Visier nimmt: Es soll der höchste Ballonflug der Menschheitsgeschichte und der höchste und längste Fallschirmsprung werden - und das erste Mal, dass ein Mensch die Schallmauer im freien Fall durchbricht.

          Denn am Rande des Weltalls ist die Luft so dünn, dass es fast keinen Reibungswiderstand gibt. 16.000 Fuß, knapp 4300 Meter, könnte Baumgartner in der richtigen Lage, mit dem Kopf voran, in Schallgeschwindigkeit zurücklegen, bevor er in etwa 27.500 Meter Höhe von dichterer Atmosphäre abgebremst wird.

          Als Joe Kittinger 1960 in seinem Ballon auf über 30 Kilometer aufstieg, berührte er als erster Mensch die Grenze des Weltraums. Inzwischen haben zwölf Menschen einen Fuß auf den Mond gesetzt, 169 weitere haben Weltraumspaziergänge absolviert. Ist Baumgartners Sprung eine sichere Nummer? „Er hat einen besseren Druckanzug als ich“, sagt Kittinger, „und wir haben alles mögliche getestet, um uns vorzubereiten. Aber am Ende stellt man sich dem Unbekannten. Denn was er vorhat, hat noch niemand getan.“ (nin.)

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