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Sprung aus 36.500 Metern : Am Fallschirm zwischen Schönheit und Tod

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Gefürchtete, ekstatische Gefühle

Der Schirm wickelte sich um seinen Hals, und obwohl sich Kittinger zunächst stabilisieren konnte, geriet er schließlich doch in Trudeln. „Die Fliehkraft war so stark, dass ich meine Arme nicht anziehen konnte, um mein Höhenmessgerät am Handgelenk zu überprüfen.“ Er verlor das Bewusstsein und überlebte nur, weil sich sein Hauptschirm automatisch öffnete. Das entmutigte ihn nicht. Kittinger wurde bei seinem General vorstellig, um die Erlaubnis zu einem weiteren Versuch zu erbitten. „Ich habe soeben demonstriert, was das Problem bei einer Evakuierung aus großer Höhe ist, und wir können es beheben“, sagte er. Sein Chef gab dem Wunsch widerwillig nach.

Joe Kittinger umfasst sein Wasserglas und wirft einen Seitenblick auf seine Frau Sherry, die in der Küche werkelt. „Man guckte unser Projekt schief an. Warum wollten wir überhaupt ins Weltall fliegen? Die Leute waren sich sicher, dass das Ganze schief gehen und ich umkommen würde. Zum Glück schottete uns Colonel Stapp von der Außenwelt ab, damit wir nicht aus der Ruhe gerieten.“

Es ist kein Kunststück, am Rande des Weltalls, abgeschnitten von der Welt und am Leben gehalten nur durch den Druckanzug, aus der Ruhe zu geraten. Schon am Boden ist der Anzug eine klaustrophobische Umgebung. Felix Baumgartner selbst überkam bei einem Probelauf vor ein paar Monaten im Anzug die Panik. „Eine ganz normale Reaktion“, sagt Kittinger. „Baumgartner ist kein Testpilot, wie ich es war.“ Kittingers Rat an den Extremsportler: „Du musst die Dinge, die dir Angst machen, immer wieder tun, bis du dich daran gewöhnst.“ Die ekstatischen Gefühle, die einen in solchen Höhen überkommen können, sind gefürchtet.

Gut gemacht, Junge: Joe Kittinger (l.) umarmt Felix Baumgartner nach dem Test im Juli
Gut gemacht, Junge: Joe Kittinger (l.) umarmt Felix Baumgartner nach dem Test im Juli : Bild: dapd

1966 kam der Abenteurer Nick Piantanida bei dem auf eigene Faust unternommenen Versuch eines Fallschirm-Höhenrekords ums Leben, als sein Helm auf 17000 Metern dekomprimierte. Es wird spekuliert, dass er sich im Begeisterungstaumel die Maske vom Gesicht gerissen haben könnte. Kittinger hatte bei einem Testflug 1957 am Boden helle Aufregung hervorgerufen, als er nach dem Rückkehrbefehl seines Majors in mehr als 27 Kilometer Höhe die Meldung absetzte: „Kommt doch und holt mich!“ Aber er hatte nicht den Verstand verloren. Tatsächlich war die Landung schon eingeleitet. Er wollte bloß einem ungeliebten Vorgesetzten einen Schrecken einjagen.

„Der Weltraum ist eine unbarmherzige Umgebung“

Joe Kittinger gehört zur aussterbenden Generation von Haudegen. Wie kaum ein anderer war er darauf trainiert, die Nerven zu behalten. Das kam ihm vielfach zugute: bei ersten Testfahrten mit einem Hochgeschwindigkeitsschlitten, später in Kriegsgefangenschaft in Vietnam, dann bei einer Solo-Überquerung des Atlantiks in einem Ballon und schließlich, als bei seinem Rekordsprung 1960 sein rechter Druckhandschuh versagte. Anders als Baumgartner war er nicht in einem Einteiler unterwegs, sondern in einem Stück, das aus Anzug, Handschuhen und Stiefeln bestand. Auf 12.000 Metern merkte er, dass der rechte Handschuh keinen Druck aufbaute. „Ich wusste, dass die Hand anschwellen würde, dass ich wohl Schmerzen aushalten müsste“, sagt Kittinger. „Aber hätte ich das dem Doc am Boden mitgeteilt, hätte er den Versuch abgebrochen. Es wäre ein willkommener Grund gewesen, die ganze Sache abzublasen. Es gab ohnehin schon genug Widerstand gegen das Projekt.“ Also biss er die Zähne zusammen und hielt durch.

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