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 Sportpsychologie : „Ein Gefühl der Enge“

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„Sie laden über zwanzig Freunde zu sich ins Wohnzimmer ein. Dadurch wird ein künstliches Gefühl der Enge erzeugt, das wir auch im Stadion erleben.“ Bild: Jan Bazing

Die EM wird uns alle in eine ganz eigene Spezies Mensch verwandeln: den Zuschauer. Ein Sportpsychologe über Identifikation, Patriotismus – und wer schuld ist, wenn „wir“ verlieren.

          4 Min.

          Herr Prof. Strauß, an diesem Wochenende hat die Fußball-Europameisterschaft begonnen. Das gucken sich sicher viele Leute an, aber warum eigentlich?

          Da gibt es zwei Sorten von Menschen. Der typische Fußballfan ist so oder so an den Spielen interessiert. – Sind Sie Fußballfan?

          Bedingt ...

          Dann gehören Sie zur zweiten Sorte. Denn selbst Sie nehmen ja wohl wahr, dass es sich um einen besonderen Wettkampf handelt. Davon lassen sich Menschen, die dem Fußball sonst eher fern sind, begeistern.

          Und warum genau?

          Diese Ereignisse sind nicht mit dem siebzehnten Fußballbundesligaspiel zu vergleichen, sondern ein Highlight. Wenn man sich die anguckt, wird man zum Mitglied einer sozialen Gruppe, man ist Deutscher und fiebert mit der Nationalmannschaft mit.

          Wir werden alle zu Patrioten?

          Über den Sport ist es sehr leicht, öffentlich seine Identifikation zu zeigen, denn es ist selbstverständlich, dass Zuschauer zu ihrer Nationalmannschaft halten. Es wird immer wieder diskutiert in der Sozialwissenschaft, ob die vermehrte Präsentation der Nationalflagge während der WM oder EM bedeutet, dass sich der Nationalstolz gesteigert hat.

          Und?

          Ich bin da skeptisch. Untersuchungen, die ich bei den letzten Weltmeisterschaften gemacht habe, zeigen eher, dass der Stolz auf die Nationalmannschaft nicht mit Nationalstolz gleichgesetzt werden darf. Im Laufe des Turniers und des stetigen Erfolgs der Nationalmannschaft steigt zwar die Begeisterung und Identifikation für das eigene Team, und das möchte man auch mit Nationalsymbolen zeigen. Der Stolz auf das eigene Land wächst aber nicht mit.

          „Zwar steigt die Begeisterung und Identifikation für das eigene Team, der Stolz auf das eigene Land wächst aber nicht mit.“

          Früher hat man in kleinen Kneipen geguckt. Heute schaut man auf großen Plätzen, mit Hunderten von Menschen. Macht das einen Unterschied?

          Psychologisch gesehen: nein. In beiden Fällen möchte man seine Emotionen nicht allein auf dem Sofa erleben. Das konnte man auch schon bei der Weltmeisterschaft 1954 beobachten. Menschen versammelten sich vor den großen Kaufhäusern, um auf den Fernsehgeräten in den Schaufenstern gemeinsam das Spiel zu sehen.

          Warum gehen wir so gerne zum Public Viewing?

          Weil wir hier auch das Gefühl haben können, quasi als Simulation, Teil des Spielgeschehens wie in einem Stadion zu sein. Zu Hause geht das nicht so gut. Wobei es natürlich auch Zuschauer gibt, die sogar das versuchen. Sie laden über zwanzig Freunde zu sich ins Wohnzimmer ein. Dadurch wird ein künstliches Gefühl der Enge erzeugt, das wir auch im Stadion erleben. Die Begeisterung der Masse funktioniert aber auch nur, solange der Erfolg der Mannschaft anhält.

          Können wir, falls die deutsche Nationalelf ausscheidet, unsere Begeisterung auf ein anderes Team übertragen?

          Ja, aber das machen nur die richtigen Fußballfans. Denn jeder von uns neigt dazu, bei großen Wettbewerben eine Mannschaft zu favorisieren. Das kann zum Beispiel ein Underdog sein, der dem Favoriten mal zeigen soll, was er kann.

          „Überdurchschnittlich viele Zuschauer glauben, dass sie mitbeteiligt sind am Erfolg des Teams. Fragt man Fans aber, inwieweit sie an der Niederlage ihrer Mannschaft beteiligt waren, sinkt das dramatisch ab. Schuld ist die Mannschaft dann selbst.“

          Schauen wir uns das Turnier weiter an, wenn unsere Mannschaft rausgeflogen ist?

          Wenn es wunderbar für uns läuft, so wie bei der Weltmeisterschaft 2006, dann schwappt die Euphorie auch auf das Endspiel über. Wenn unsere Mannschaft aber deutlich vorher rausfliegt, wird das Interesse bei vielen sehr nachlassen.

          Wem gönnt man dann den Sieg?

          Das ist eine emotionale Entscheidung. Da wir bei der WM 2006 gegen Italien rausgeflogen sind, haben natürlich viele den Franzosen die Daumen gedrückt.

          Warum ist ein Fußballspiel genauso spannend wie ein Krimi?

          Weil man wie bei einem spannenden Film mit den Protagonisten mitbangt und sich mit ihnen identifiziert. Zum Beispiel mit Schweinsteiger, als er den Elfmeter gegen Chelsea verschossen hat.

          Ist es nicht ein fauler Sieg, wenn wir die Leistung unserer Mannschaft feiern, obwohl wir nur passiv zugeschaut haben?

          Warum? Der Zuschauer hat ja das Gefühl, mitgeholfen zu haben.

          Wie kann der Zuschauer denn helfen? Er schaut sich das Spiel doch nur an.

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