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 Sportpsychologie : „Ein Gefühl der Enge“

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Überdurchschnittlich viele Zuschauer glauben, dass sie mitbeteiligt sind am Erfolg des Teams. Sie haben die Spieler schließlich angefeuert und sind zum Spiel gereist. Manche bemalen sich sogar in den Nationalfarben, wenn sie allein im Wohnzimmer sitzen und das Spiel schauen. Weil sie glauben, dass das der Mannschaft hilft. Fragt man Fans aber, inwieweit sie an der Niederlage ihrer Mannschaft beteiligt waren, sinkt das dramatisch ab. Schuld ist die Mannschaft dann selbst (lacht).

Alle Jahre wieder: das Wir-Gefühl beim Fußball.

Macht es einen Unterschied, wie früh oder spät eine Mannschaft aus dem Turnier ausscheidet?

Natürlich. Wenn unsere Mannschaft gleich am Anfang rausfliegt, sind wir sehr enttäuscht, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden. Wenn sie aber ins Finale kommt, haben wir vier Wochen lang große Glücksgefühle erlebt. Und wenn das Team gegen Ende unglücklich verliert, sind wir zwar traurig, aber wir denken nicht schlecht über unsere Mannschaft.

Welche Gefühle erleben wir bei einem Sieg oder einer Niederlage?

Beides hat einen immensen Einfluss auf uns. Eine Niederlage kann kurzfristig unsere Leistungsfähigkeit einschränken und zu einer negativen Stimmung führen. Umgekehrt führt der Gewinn eines wichtigen Spiels natürlich zu überschwenglichen Gefühlen, und der Zuschauer fühlt sich leistungsfähiger und ist es auch - sofern er nicht zu viel getrunken hat.

Wenn man mit Fußball überhaupt nichts am Hut hat, kann man sich diesem Trubel überhaupt entziehen?

Ja. Urlaub machen (lacht).

Und was passiert, wenn ich zu sehr mit einer Mannschaft mitfiebere? Kann das ungesund sein?

Bei einer EM besteht diese Gefahr eher nicht. Dafür ist das Ereignis mit vier Wochen zu kurz. Aber die Begeisterung für eine bestimmte Mannschaft kann die Beziehung zu anderen Menschen stark belasten. Manche Fans stecken da einen großen Teil ihrer Freizeit, ihres Geldes und ihrer Energie rein. Nicht so sehr bei der Nationalmannschaft, sondern vor allem bei Vereinsspielen. Der zeitliche und finanzielle Aufwand, den diese Fans (im Amerikanischen nennt man sie „Die-Hard-Fans“) betreiben, ist schon erheblich. Manche lassen sogar ihren Sarg in eine Vereinsflagge gehüllt zu Grabe tragen.

Wie sollte man mit einem Fan nach der Niederlage seiner Mannschaft umgehen?

Die Trauer der Fans nach einem verlorenen, wichtigen Spiel ist echt, zum Beispiel bei einem Abstieg. Dies wird als persönliche Niederlage erlebt. Fans, die nach dem Spiel auf der Tribüne weinen, zeigen echte Tränen. Da darf man nicht so einfach sagen: „Ach komm, ist nicht so schlimm!“ Man sollte die Traurigkeit dieser Menschen ernst nehmen.

Warum lässt sich der Zuschauer besonders vom Fußball stark begeistern?

Der Sport hat von den großen Stadien profitiert, die in den zwanziger Jahren in vielen Teilen der Welt gebaut wurden. Aber auch die Medien sind am Fußball-Hype beteiligt. Deren sich immer steigernde Berichterstattung hat die Begeisterung für den Sport gesteigert, dann sind mehr Leute zum Zuschauen gekommen, und so haben die Medien noch mehr berichtet. Das ist eine Spirale des Sich-gegenseitig-Hochschaukelns.

Bernd Strauß ist Professor für Sportpsychologie an der Universität Münster.

Aber von den Olympischen Spielen lassen sich auch viele Zuschauer mitreißen.

Ja. Wie beim Fußball identifiziert sich der Zuschauer da mit den deutschen Sportlern oder auch mit Leuten wie Usain Bolt. So wird plötzlich der Bogenschütze spannend, wenn er für unser Land Gold gewinnt. Selbst wenn diese Sportart den Zuschauer vorher nur wenig interessiert hat.

Wissen Sie schon, wo Sie sich die Spiele der EM anschauen werden?

Wenn die EM startet, bin ich auf einer Konferenz in Honolulu, Hawaii. Ich bin gespannt, ob ich am anderen Ende der Welt auch die ersten Spiele sehen kann. Das Endspiel der Weltmeisterschaft 2010 habe ich zum Beispiel in einem Hotelzimmer in Melbourne gesehen. Durch die Zeitumstellung kam das Spiel damals mitten in Nacht. Einige meiner Kollegen haben sich damals zusammengetan und das Spiel in einer Kneipe geschaut. Das passiert selbst unter Professoren. Wir suchen auch nach dem Gemeinschaftsgefühl.

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