https://www.faz.net/-gum-6yv70

Spielsucht-Film „Verzzokkt“ : Harte Jungs mit Frauenstrumpfhosen

  • -Aktualisiert am

„Hier ist immer etwas zu tun“: Regisseur Kubilay Sarikaya mit Schulkindern in seinem Kiez in Neustadt Spandau, wo auch sein Film gedreht wurde Bild: Julia Zimmermann

Zwei kurdischstämmige Deutsche haben einen 35-Minuten-Film über Spielsucht in ihrem Milieu gedreht, mit ihren Kumpels als Darstellern – und einer Riesenportion Realität.

          6 Min.

          Auf dem Weg von der Spielhalle nach Hause kann man den Abgrund sehen. In Jebrails Augen tut er sich auf, in seinem Gang, in seinem Schweigen. Seine Schritte führen ihn an einem Wettbüro vorbei, zwischen Kindern hindurch, die einen Sieg bejubeln. Jebrail bleibt stumm. Sein Blick sagt alles. Daheim im Hausflur dann dreht er sich um zu seinem Bruder und knallt ihm eine. „Was hast du mit dem Geld gemacht?“, schreit er. So laut und so verzweifelt klingt er, dass die Mutter des Schauspielers, in deren Hausflur die Dreharbeiten stattfanden, besorgt die Treppe herabrannte und wissen wollte, was passiert sei.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was in dem Film „Verzzokkt“ passiert, da sind seine Berliner Macher Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya überzeugt, ist nur eine Variation von dem, was täglich in den sozialen Brennpunkten der Hauptstadt und in heruntergekommenen Vierteln überall in der Republik passiert: Glücksspiel führt in den Abgrund. Erst kommt der finanzielle Ruin. Dann zerbricht die Familie. „Ich finde den Film unglaublich authentisch. Die Wucht der Realität, die man in jedem Moment spürt, ist unglaublich“, sagt der SPD-Politiker Daniel Buchholz, der maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der gut dreißig Minuten lange Schwarzweißstreifen am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus gezeigt wurde. Von allen Seiten Anerkennung: Was für ein Film. Was für ein Thema. Was für ein Projekt.

          „Im Leben gibt es kein Happy End“

          Die Geschichte im Film ist düster: Jebrail ist zwei Jahre unschuldig ins Gefängnis gegangen, weil er dafür 50.000 Euro bekommen soll. Er will sich und den beiden Brüdern, einer davon mit Down-Syndrom, einen Neuanfang ermöglichen. Aber während der Ältere hinter Gittern saß, hat der Jüngste fast das gesamte Geld verzockt, und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Ein krimineller Plan, eine Waffe, und am Schluss ist alles schlimmer als zuvor. „Im Leben selbst gibt es kein Happy End“, sagt Regisseur Sarikaya.

          Die Geschichte des Films hingegen strahlt wie ein Leuchtfeuer: Ein Streetworker ohne Ausbildung und ein Personenschützer aus der Spandauer Neustadt träumen vom Filmemachen. Weil sie eher wie Kriminelle denn wie Filmhochschüler aussehen und keine fehlerfreien E-Mails schreiben, lässt die Filmförderung sie auflaufen. Aber die beiden Männer sind überzeugt, dass sie etwas zu erzählen haben. „Wir haben etwas verstanden, und wir haben etwas erlebt“, sagt Sarikaya. Also kratzen sie ihre Ersparnisse zusammen, gewinnen einen professionellen Kameramann und verpflichten Kirtans jüngere Brüder sowie zwei seiner Kumpel als Darsteller. Abgesehen von Muhammed, dem Bruder mit Down-Syndrom, handelt es sich um notorische Spieler. Die Polizei führt sie als Intensivtäter.

          Kein Plan, nur ein Traum: Schauspieler Muhammed Kirtan mit Bruder Sedat, dem Produzenten des Films

          Für die nächsten acht Monate hätten Kirtan und Sarikaya vermutlich auch Förderung als Resozialisierungsprojekt beantragen können. Jeden Tag ist Probe, um halb zehn geht es los. Auf das gemeinsame Frühstück folgen Kraftsport und Boxen. Dann Atemtraining, Stimmtraining. Stoffentwicklung. Und immer wieder Theaterpädagogik: die Arbeit mit Masken, die nach dem Prinzip der Commedia dell’Arte helfen sollen, sich von der eigenen Persönlichkeit zu lösen und sich Gefühlen zu öffnen. „Das war schwer, Gangster dazu zu bringen, dass sie sich Frauenperlonstrümpfe über den Kopf ziehen“, sagt der 38 Jahre alte Regisseur. „Man musste sie biegen.“

          Harte Jungs zumal, die keinen festen Tagesablauf kannten, weil sie keine Arbeit hatten und den Vormittag verschliefen. Da ließ der Jebrail-Darsteller dann einen Kumpel ausrichten, er habe einen Arzttermin; dabei hatte sein großer Bruder, der Produzent, ihn eben noch schlafend im Bett gesehen. „Ein paar Mal waren wir davor, alles hinzuschmeißen“, erzählt Kirtan.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf sich allein gestellt: Migranten im spanischen Lepe

          Asylbewerber ohne Hilfe : Nach Spanien kommen kaum noch Migranten

          Vor der Corona-Krise landeten zeitweilig nirgendwo in Europa so viel Migranten wie in Spanien. Jetzt kommen nur sehr wenige. Die 120.000 Asylbewerber, die sich bereits im Land befinden, sind nun auf sich allein gestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.