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Spielsucht-Film „Verzzokkt“ : Harte Jungs mit Frauenstrumpfhosen

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Seit einem Jahr tatsächlich im Gefängnis

Aber irgendwann, sagt der Einunddreißigjährige, hätten die angehenden Schauspieler kapiert, dass da jemand war, der an sie glaubte. Eines Morgens kamen die Filmemacher zur Probe, und die Schauspieler warteten schon auf sie. „Die sind durch die Hölle gegangen“, sagt Sarikaya. „Aber jetzt sind sie Künstler. Die haben’s drauf.“

Es gibt nur leider im Leben kein Happy End. Der Jebrail-Darsteller, die „Superkinofresse“, wie Sarikaya ihn nennt, sitzt seit einem Jahr tatsächlich im Gefängnis. Ein Gericht hat ihn wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt für eine Tat, die nach Angaben des Regisseurs vor den Dreharbeiten lag - zu sieben Jahren Haft. Die Revision läuft. Die Filmemacher haben derweil ihre improvisierte Schaltzentrale aus einer kleinen Bäckerei in das Ladengeschäft gegenüber verlegt, ins Büro von Kirtans großem Bruder. Dessen Beruf: Aufsteller von Glücksspielautomaten.

Spielhalle an jeder Straßenecke

Ein sonniger Märzmontag. Mesut Gürbüz, der den kleinen Bruder von „Jebrail“ im Film zum Spielen verführt, verlässt den Sportwettenladen, der auch im Film zu sehen ist. Quoten checken. Schließlich findet am Wochenende das große türkische Fußballderby statt. Gürbüz ist 19, ein sanfter Riese mit großen Augen und einem erweiterten Hauptschulabschluss. Als Schauspieler, sagt sein Produzent, sei er ein Naturtalent. Gürbüz kennt sich aus mit der Spielerei. „Man will auf schnelle Art das Geld machen“, sagt er. Und: „Man zählt ja nicht, wenn man verliert. Man zählt, wenn man gewinnt.“ Und: „Wenn du nichts zu tun hast, kommst du automatisch hierher. Die Quoten machen einen verrückt. Durch den Film habe ich das begriffen. Dann habe ich mich bemüht, eine Ausbildung zu finden.“ Mit einer Fünf in Mathe und Deutsch ist das gar nicht so leicht. Gürbüz jobbt auf Vierhundert-Euro-Basis bei McDonald’s. Er behauptet, die Hälfte seiner Einkünfte lasse er im Wettbüro. Dann muss er los: Vorstellungsgespräch bei einem Pizzaservice.

“Die Hochrisikogruppe für Spielsucht sind junge Männer mit Migrationshintergrund“, sagt Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Und Arbeitslose. Kein Wunder also, dass es in Spandau Straßenzüge gibt, wo an jeder Ecke eine Spielhalle eingezogen ist. Der Bezirk ist bis heute Berlins wichtigster Industriestandort. Aber Kabelbäume werden inzwischen in Asien geknüpft, Jobs für Ungelernte sind rar - während die Mieten noch immer so niedrig sind, dass Sozialhilfeempfänger aus anderen Stadtteilen zuziehen. Jüngling sagt: „Es gibt eine Branche, die sich sehr genau Sozialstrukturen anguckt und in genau den Bezirken explodiert, in denen die Menschen arm sind. Das ist eine Riesenveränderung zu vor fünf Jahren.“

Gleichzeitig wärmer und rauher

Nun ist „Verzzokkt“ aber gar kein Film über Spielsucht. Es gibt zwar diese Auseinandersetzung zwischen den Brüdern, nach der Ohrfeige, als der Kleine beschreibt, wie ihm das Geräusch der Automaten den Kopf verdreht, während der Große ihm einbleut, auf lange Sicht könne der Spieler gar nicht gewinnen. Aber im Vordergrund steht ein sehr intimer Einblick in ein Milieu: die verstümmelte Sprache, die Verfügbarkeit von Waffen, die Perspektivlosigkeit. Aber auch: die Liebe unter Brüdern, ein Behinderter als Herz der Familie, ein Umgangston, der gleichzeitig wärmer und rauher ist als in gewöhnlichen Migrantenfilmen.

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