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Spanien : Die Revolution braucht Haarfestiger

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Pedro Santisteve, Bürgermeister von Saragossa, hat die Haare schön – auf Kosten der Steuerzahler. Bild: (c) Jose Luis Cuesta/Cordon Pres

Ein Podemos-Bürgermeister kauft sich Haargel von Steuergeldern. Fälle wie dieser zeigen, wie die linkspopulistischen Kämpfer gegen die „Politikerkaste“ inzwischen in dieser angekommen sind.

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          Pedro Santisteve, der neue Podemos-Bürgermeister von Saragossa, ist Tag und Nacht im Einsatz für das Gemeinwohl. Weil er eine der am höchsten verschuldeten Großstädte Spaniens führt (800 Millionen Euro!) und dazu noch unermüdlich allein wegen seiner Parteizugehörigkeit gegen Korruption und Missbrauch öffentlicher Gelder kämpfen muss, braucht er einen besonders starken Haarfestiger. So einen kaufte er sich, für schlappe 16 Euro in einem Frisörladen, auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich.

          Ausgerechnet die „Korruptionspartei“, nämlich der konservative Partido Popular, gibt nun aber vor, dafür kein Verständnis zu haben. Der Bürgermeister, so ihr Argument, könne doch seinen Haarfestiger selbst bezahlen. Das hält Santisteve aber für eine ausgesprochene „Infamie“. Denn er arbeite manchmal 13 Stunden am Stück und müsse dann noch bei einer Abendveranstaltung „adrett“ aussehen.

          Da könne er nicht einfach zwischendurch nach Hause gehen, sich sein privates Gel ins Haar schmieren und so wertvolle Zeit verlieren. Das Volk, so beteuert er, habe ihn nämlich auf seinen Posten gebracht, damit er seine Stadt „anständiger“ machen helfe, bevor die Bestechlichkeit „alles versenkt“.

          Der Fall illustriert, wie die linkspopulistischen Kämpfer gegen die „Politikerkaste“ inzwischen in dieser angekommen ist. Im Auftrag des Volkes nutzen sie öffentliche Mittel unter anderem für Reisen, Speisen und Hotels. So flogen der Bürgermeister von Saragossa, sein Kollege Joan Ribo aus Valencia und weitere Amtsträger unlängst nach La Coruña, um sich dort mit anderen engagierten „Bürgermeistern des Wandels“ – von Podemos – zu treffen.

          Podemos kopiert den „Kapitalismus der Amigos“

          Wer daran etwas auszusetzen habe, so sagen sie, seit die Rechnungen jetzt bekannt wurden, verstehe nichts von der Last ihres Alltags und ihrer Aufgaben. Im Übrigen hätten sie „nichts zu verbergen“.

          Die Revolution, die seit den spanischen Kommunal- und Regionalwahlen im Mai 2015 in vielen Rathäusern und Provinzregierungen Einzug hielt – und vielleicht demnächst auf nationaler Ebene ihre Fortsetzung findet – unterscheidet sich von der zu Recht geschmähten alten „Kaste“.

          Es verblüfft jedoch, mit welcher Geschwindigkeit die Podemiten die von ihnen hart kritisierten Bräuche des Nepotismus und „Kapitalismus der Amigos“ schon zu kopieren verstehen. Von Podemos-Chef Pablo Iglesias bis zu niedrigeren Chargen werden nach Herzenslust Freunde und Freundinnen, Onkel und Tanten, Neffen und Nichten auf einträgliche Posten gesetzt – selbstredend aus strikt sachlichen Gründen.

          Sollte Iglesias, der seinen Parlamentariern auch vergebens riet, doch auf die ihnen zustehenden 3000 Steuerzahler-Euro im Jahr für Taxifahrten zu verzichten, wirklich demnächst stellvertretender Ministerpräsident werden, dann will er außer der Aufsicht über die Geheimdienste und ein „Wahrheitsministerium“ zur Kontrolle der Ausgewogenheit in den Medien auch noch die schützende Hand über zwei neue Staatssekretäre für Korruptionsabwehr und die Verteidigung der Menschenrechte legen.

          Diese könnten parallel vorgehen: Der eine kämpft gegen das Übel in all den übrigen Parteien, und der andere kümmert sich parteiintern um ordentlichen Haarfestiger.

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