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Persönlichkeitsanalyse : Deine Sprache verrät dich

Selbstredend gibt es Kritiker, die sich an dem, was Pennebaker macht, abarbeiten; eines ihrer Argumente lautet: „Seltene Sprachmerkmale offenbaren Entscheidendes und werden von der Maschine vielleicht nicht erkannt.“ Ein anderes: „Manchmal sind die Ergebnisse mehrdeutig: Sagt jemand häufig ,ich‘, kann das bedeuten, dass er narzisstisch ist. Es kann aber auch bedeuten, dass er besonders selbstsicher oder verantwortungsbewusst ist.“

Gratzel entkräftet beide Einwände mit dem Argument, dass seine Maschine 180 000 Merkmale untersucht und dann bis zu fünfzig verschiedene Parameter in die Berechnung einer bestimmten Charaktereigenschaft einbezieht, so dass sich das Ergebnis aus unzähligen kleinen Mosaiksteinchen zusammensetzt. In seinen Augen liegt die Grenze der Maschine daher woanders: „Wenn Menschen sehr, sehr ungewöhnliche sprachliche Phänomene zeigen, wird das Ergebnis schwammig.“

Wissen, das verschwiegen wird

Bei der Analyse meiner Sprache aber hat die Maschine sehr präzise Angaben gemacht. Auf der letzten der sechs für mich ausgedruckten Seiten haben Gratzels Mitarbeiter eine Übersicht über 22 bei mir gemessene Persönlichkeitsmerkmale erstellt. Da heben sich grüne Balken vertikal von einer Nulllinie ab, mal nach links, mal nach rechts.

Sie zeigen, wie ich mich laut Berechnung der Maschine vom Durchschnitt der untersuchten 5000 Probanden unterscheide, zum Beispiel in puncto „Offenheit für Erfahrung“ (sehr hoch), Statusorientiertheit (sehr niedrig), Kontaktfreude (riesig), Verausgabungsbereitschaft (ordentlich), Neugier (groß) oder Selbstorganisation (sehr gut).

Ich kann nicht anders, als beeindruckt zu sein, denn ich finde, dass das alles stimmt. Gleichzeitig mutmaße ich aber, dass Gratzels Mitarbeiter hier nur meine positiven Eigenschaften aufgelistet haben und mir die negativen verschweigen. Dass sie also vermutlich jetzt etwas über mich wissen, was ich nicht weiß, ist mir unheimlich.

„Es wird die Welt verändern“

Gratzel legt aber noch einen obendrauf. Er sagt: „Wenn wir jetzt genügend Profile Ihrer Kollegen hätten, könnten wir Sie auch nur mit Ihren Journalistenkollegen vergleichen und uns anschauen, ob Sie auch in der Gruppe der Journalisten noch zu den besonders neugierigen oder kontaktfreudigen gehören.“ Und das finde ich nun fast schon ein bisschen verstörend. Denn man kann sich leicht vorstellen, wie sehr sich seine Kunden über diese Anwendung freuen - die er natürlich passgenau auf deren Bedürfnisse zuschneidet.

Die Unternehmensberatung McKinsey sagt heute schon voraus, dass Firmen wie Psyware in zehn Jahren so viel Umsatz machen werden wie die Volkswagen AG. Ich muss an etwas denken, was Gratzel zu Beginn des Gesprächs gesagt hat: „Was wir machen, berührt jeden. Es wird die Welt verändern.“ Wenn ich gewusst hätte, was dieser Mann anhand dessen, was ich der Telefonstimme erzählt habe, mit Hilfe der Software über mich herausgefunden hat, dann hätte ich mir wohl dreimal überlegt, ob ich den Test mache.

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