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Persönlichkeitsanalyse : Deine Sprache verrät dich

Wenn die Software lernen soll, ein neues psychologisches Merkmal zu identifizieren, untersucht Gratzels Team sämtliche Äußerungen der Leute, die als Versuchspersonen zur Verfügung stehen: E-Mails, Chats, Blogs, ihre freie Rede, ihre freie Schrift. Und natürlich machen Psychologen auch viele Tests mit den Probanden: klinische Tests, Persönlichkeitstests, Intelligenztests und Belastungstests. Psyware hat in den vergangenen zwei Jahren etwa 5000 Menschen psychologisch vermessen.

Satzlänge und Wortwahl

Alle Teilnehmer, bei denen Psychologen auf herkömmlichem Weg ähnliche Persönlichkeitsmerkmale gefunden hatten, wurden in Gruppen eingeteilt, und dann wurde ihre Sprache auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Vergleichsgruppen untersucht, in denen Menschen mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen steckten. So wurden sprachliche Merkmale extrahiert, die mit gewissen charakterlichen Merkmalen korrelieren.

Die Auswertung der einzelnen Sprachaufnahmen macht die Software dann selbständig. Deswegen kann Gratzel nicht begründen, wie die Ergebnisse zustande kommen. Er kann beispielsweise nicht sagen: Sie haben diese oder jene Wörter so und so oft benutzt, deswegen sind Sie ein besonders ängstlicher Mensch.

Wissenschaftlich ausgedrückt, macht Psyware eine formalquantitative Analyse von Sprache. Die Software misst zum Beispiel Satzlänge und positive und negative Wortwahl, oder sie misst, wie oft jemand Wörter aus einem bestimmten Wortfeld oder bestimmte Wortarten verwendet. Der Inhalt dessen, was jemand sagt, spielt indessen überhaupt keine Rolle.

Erfindung des digitalen Biergartens

Neu ist das nicht, das gibt Gratzel gerne zu. James Pennebaker, ein klinischer Psychologe von der University of Texas, untersuchte schon Anfang der achtziger Jahre, was der Schreibstil von Traumapatienten über ihre mögliche Genesung aussagte. Und die University of Arizona und die Harvard University forschen seit vielen Jahren im Bereich der formalquantitativen Sprachanalyse.

Aber Gratzel sagt, dass Psyware alles, was die Amerikaner machen, in den Schatten stelle: „Pennebaker forscht sozusagen am Motorenprüfstand. Und wir bauen Formel-1-Autos.“ Gratzel zufolge gibt es keine zweite Firma auf der Welt, die die formalquantitative Analyse von Sprache zur Entschlüsselung der Psyche verwendet.

Sein Ziel aber ist kein geringeres, als Maschinen dieses Wissen einzupflanzen. Sie sollen verstehen lernen, wie der Mensch funktioniert. Bis jetzt, sagt Gratzel, sei der Aufenthalt des Menschen in der digitalen Welt „kalt, nicht vergleichbar mit einem Abend im Biergarten“. Aber das soll sich ändern. Gratzel will den digitalen Geräten begreiflich machen, was der Abend im Biergarten in uns Menschen auslöst. Pflegeroboter oder selbstfahrende Autos sollen so künftig verstehen, wie wir uns fühlen, wenn wir ihnen Befehle geben.

Je ungewöhnlicher, desto schwammiger

Sie sollen es erkennen, falls wir gerade ängstlich, unsicher oder aufgeregt sind. Und ihr Handeln dann daran anpassen. „Sie sollen nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Emotionen verstehen lernen“, sagt Gratzel, „sie sollen herausfinden können, wie es uns Menschen geht.“

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