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Söldner : Profiteure des Krieges

Zur Zeit wohl der bekannteste „Söldner” in Deutschland: Leonardo DiCaprio, links, in dem Kinofilm „Blood Diamond” Bild: dpa

Gunny, Norman und Dirk verdienen ihr Geld in Kriegs- und Krisengebieten. Während der Einsätze funktionieren sie einfach, doch auf das, was in Irak geschah, waren sie nicht vorbereitet: Die Wirklichkeit ist immer brutaler und schrecklicher als alle Theorie.

          Blutbeschmierte Panzer und romantische Sonnenaufgänge, verkohlte Leichname und Männer in Schutzwesten, die stolz ihre Sturmgewehre in die Höhe recken, die Augen hinter verspiegelten Sonnenbrillen verborgen. „Das ist die Realität eines ganz normalen Jobs“, sagen die Männer. Gunny, Norman und Dirk, die Nachnamen tun nichts zur Sache. Drei Norddeutsche, die ihr Geld im Irak und in Bosnien verdient haben. Sie sind Private Military Contractors - private militärische Auftragnehmer. Söldner, die ihr Geld verdienen, wo Kriege und Unruhen herrschen. Wo jene Fotos entstehen, die nun über den Computer eines Büros am Rande des Lübecker Industriegebiets flimmern.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Söldner. Ein Wort, das Gunny und Dirk nicht gerne hören. Nur Norman hat nichts dagegen. „Wenn damit gemeint ist, dass ich für Geld in Kriegsgebiete fahre, dann bin ich ein Söldner.“ Doch seien sie weder Kopfgeldjäger auf der Suche nach Terroristen, noch führten sie Kampfhandlungen aus. „Wir machen nur Dinge, die im Einklang mit internationalem Recht stehen, und wir arbeiten auch nicht für jeden.“ Firmen und Regierungen werden überprüft, der Einsatz so gut wie möglich geplant. Bei ihren Einsätzen als Personenschützer oder Ausbilder gehe es um reine Selbstverteidigung. Natürlich gebe es Tage, an denen man kämpfen muss. Gunny schrieb am 15. Juni 2004 in sein Einsatztagebuch: „Es war ein guter Tag, keine Toten oder Verletzten . . . Das wird nicht so bleiben.“

          Wer hier tätig ist, kennt das Antlitz des Krieges

          Am Rande eines Naturschutzgebiets mit Blick auf brachliegende Industrieanlagen und Schrottpressen haben Gunny, Norman und Dirk ihre Zentrale. Die Bodyguard Academy von Thorsten Möller hat sich auf „High-risk-Operationen“ spezialisiert, mit Repräsentanten in Kolumbien, Venezuela, den Philippinen und einigen afrikanischen Ländern, die ungenannt bleiben. „The Face of Battle“ von John Keegan liegt auf der Fensterbank, in Vitrinen sind Übungswaffen ausgestellt. Wer hier tätig ist, kennt das Antlitz des Krieges. Das Motto: „Libertas in tuto“, Freiheit in Sicherheit, grafisch unterlegt mit zwei Skorpionen.

          Auf ihre linke Brust haben sich die drei Zweimetermänner mit den kurzgeschorenen Haaren ihre Blutgruppe tätowieren lassen, die rechte Brust zieren bei Gunny und Norman die Worte „Alpha Team, The Wall of Steel, Baghdad, 08/25/04, Always Remember“. Symbol des Zusammenhalts, Erinnerungen an ein Gefecht mit Irakern, die ihren Konvoi angegriffen hatten. Gunny und Norman waren mit anderen Personenschützern für die Sicherheit von zwei Ingenieuren zuständig. 15 Iraker starben im Kugelhagel der Private Military Contractors, des im Auftrag der amerikanischen Regierung tätigen Alpha Teams. Zwei Jahre lang waren die Deutschen im Irak. Drei Monate Einsatz, dann einen Monat frei. Drei Monate Irak, einen Monat Schleswig-Holstein. Drei Monate Krieg, einen Monat Familie.

          Viele tote Körper sind über den Boden verteilt

          „Menschen liegen am Boden und schreien, viele tote Körper sind über den Boden verteilt . . . Ich habe schon viel gesehen und auch selbst schon im Feuerkampf gestanden, aber das ist eine ganz andere Dimension“, schrieb Gunny am 26. Juni 2005 in sein Einsatztagebuch. Auf das, was die Anschläge im Irak anrichten, war auch Gunny nicht vorbereitet, der Schweigsame, der schon mit der Bundeswehr im Kosovo war, bevor er Dirk und Norman kennenlernte und beschloss, als Privatmann in Kriegsgebiete zu ziehen. Gunny, der vor dem Irak-Einsatz zusammen mit Dirk und Norman in Bosnien einen deutschen Richter und eine amerikanische Schutzperson bewachte, die beim Büro des Hohen Repräsentanten tätig waren.

          Während der Einsätze, so sagt Gunny, funktioniert er einfach. Denkt nicht darüber nach, dass auch ihn eine Kugel treffen könnte. „Darüber muss man sich sowieso im Klaren sein.“ Jeden kann es treffen, jederzeit. Und dann reden sie von 196 Anschlägen am Tag in Bagdad, von Frauen mit Kindern, die als Selbstmordattentäter unterwegs sind, und von Doggy-Bombs - mit Sprengstoff gefüllten Hundekadavern.

          Sturmgewehre vom Schwarzmarkt

          Ihren Einsatzbefehl erhalten die Männer per Mail. Man meldet sich zu Einsätzen, sendet seine Referenzen. Zwei bis drei Monate hatten sie Vorlaufzeit vor dem Irak-Einsatz. Dann ging es über Hamburg, Istanbul und Kuweit nach Bagdad. Die Sturmgewehre besorgte die auftraggebende Firma am Ort, wahrscheinlich auf dem Schwarzmarkt.

          Die Männer der Bodyguard Academy unternehmen alles, um wieder lebend aus ihren Einsätzen zurückzukommen. In einer ehemaligen Bundeswehrkaserne in Gifhorn trainieren sie jede nur erdenkliche Situation: Reifen wechseln, Straßensperren durchbrechen, Angriffe abwehren. Theorie spielt nur eine Nebenrolle. Jeder Ausbildungskurs soll auf die Praxis vorbereiten. Doch die Wirklichkeit ist immer anders.

          Die Wirklichkeit ist brutaler und schrecklicher

          Meist ist sie brutaler und schrecklicher - weshalb Männer wie Gunny, Norman und Dirk zunehmend gefragt sind. Firmen, die sich auf militärische Dienstleistungen spezialisiert haben, sind in mehr als 50 Ländern präsent. Allein im Irak sollen in den Jahren 2004 und 2005 etwa 20 000 Mann als private militärische Auftragnehmer tätig gewesen sein. Mittlerweile wird die Zahl der Mitarbeiter von Sicherheits- und Privatfirmen im Irak auf 30 000 geschätzt.

          Die Contractors stellen nach den GIs das zweitgrößte Kontingent im Irak. Eine Armee aus ehemaligen Elite- und Infanteriesoldaten, die nun für Ölfirmen, Baufirmen oder für Regierungen tätig werden. Personen schützen, Sicherheitskräfte ausbilden, Konvois begleiten, Munition vernichten, mit Sondereinheiten zusammenarbeiten, als Scharfschützen für den reibungslosen Ablauf von Wahlen sorgen: „Wir schützen den Wiederaufbau.“ Im Grunde genommen unterscheide sich ihre Arbeit nicht von der eines Personenschützers in Deutschland. Nur seien Arbeitsbedingungen und Gefährdungslage anders. Der Krieg ist privatisiert - für einen Sold von 500 Dollar pro Mann und Tag.

          Zu unkalkulierbar ist das Risiko geworden

          Gunny, Norman und Dirk haben mit dem Irak abgeschlossen. Zu unkalkulierbar sei das Risiko geworden. Männer des Branchenführers, der amerikanischen Firma Blackwater Security Consulting, haben das unkalkulierbare Risiko mit dem Leben bezahlt. Die Fotos der vier toten Amerikaner, deren verstümmelte Leichname kopfüber an einer Brücke in Falludscha aufgehängt worden waren, gingen im März 2004 um die Welt. Gunny, Norman und Dirk wissen, dass auch von ihnen irgendwann solche Bilder gemacht werden könnten. Aber die Herausforderung der Krisengebiete reizt sie. „Dazu muss man geboren sein“, sagt Norman, der 33 Jahre alte ehemalige Elitesoldat mit dem breiten Kreuz, der Glatze und der kreisförmigen Narbe auf der Wange.

          „Magnet“ nennen ihn seine Kollegen, weil er schon dreimal angeschossen worden ist. Norman habe man gerne um sich, dann sei man selbst sicher. Bundeswehr, amerikanische Eliteeinheit, Scharfschützeneinsätze in Kolumbien, Ostafrika, Bosnien, dann beim Bundeskriminalamt und schließlich Freiberufler: Sein Leben gleicht einem Actionfilm, inklusive Fallschirmsprüngen über dem Dschungel, bei denen er wusste, dass er beschossen würde. Nur dass Norman, der immer eine Schusswaffe bei sich trägt, keine Actionfigur ist, auch wenn er so redet: „Das Individuum stirbt, das Team überlebt“, sagt er. „Das Team ist mir wichtiger als meine Familie."“

          Sprungbrett für weitere Einsätze

          Wahrscheinlich braucht er den Nervenkitzel. So wie die anderen Männer und Frauen, die sich bei der Bodyguard Academy ausbilden lassen, zumeist ehemalige Bundeswehrsoldaten, die schon in Afghanistan und in Bosnien waren, die weitermachen wollen und die Academy als Sprungbrett für weitere Einsätze nutzen. Zwischen 20 und 30 Personenschützer hat die Academy schon für den Einsatz ausgebildet. Hinzu kommen weitere 70, die als Minenentschärfer oder Suchhundeausbilder arbeiten.

          Gunny, Norman und Dirk haben keine moralischen Bedenken, jemanden zu töten. Geschossen haben sie schon alle, getötet wohl auch. „Wir schießen zwar nur bei Notwehr, aber wir sind zum Töten ausgebildet.“ Aber Dirk will nicht wieder einen solchen Einsatz wie im Irak durchmachen. Der ehemalige Formel-1-Personenschützer, der als Bodyguard unter anderen auf Ralf Schumacher aufpasste, hat sich vorgenommen, endlich auf seine Familie zu hören. Nach Afrika aber wird er dennoch gehen. In vier Ländern will die Bodyguard Academy tätig werden. Regierungsauftrag. Die Männer sollen für Sicherheit sorgen und die Ausbildung von Sicherheitskräften übernehmen. Auch Norman und Gunny werden wieder dabei sein. Bald geht es los, vielleicht schon in der nächsten Woche.

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