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Interview mit Schauspielerin : „Jemanden mit einem solchen Bekanntheitsgrad zu spielen, empfinde ich als sehr heikel“

Sigmar Gabriel (Timo Dierkes, l-r), Angela Merkel (Imogen Kogge) und Frank-Walter Steinmeier (Walter Sittler) sitzen in einer Szene im Bundeskanzleramt. Bild: dpa

Imogen Kogge spielt in dem Fernsehfilm „Die Getriebenen“ die Kanzlerin in den Zeiten der Flüchtlingskrise. Ein Gespräch über Verwandlung, Annäherung und Respekt.

          6 Min.

          Frau Kogge, wie lange hat es zu Beginn jedes Drehtages gebraucht, bis die Frau Merkel fertig war, mit Maske und Kostüm?

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ach, gar nicht so lange. Wir haben natürlich in der Vorbereitung etwas länger gebraucht und einiges ausprobiert; an einem normalen Drehtag war es dann vielleicht noch eine Stunde: die normale Maskenzeit, die man ohnehin braucht.

          Waren das Ihre eigenen Haare, eine Perücke, Haarteile?

          Das war am Ende eine Mischung.

          Wie war es mit der Kleidung? Wie lief das?

          Ich hatte etliche Schneidertermine, und da wurden elf oder zwölf Sakkos gefertigt. Man konnte ja anhand der ganzen Video- und Youtube-Aufzeichnungen genau sehen, was die Kanzlerin an bestimmten Terminen wie bei der Sommerpressekonferenz oder dem Besuch in Rostock anhatte, und so wurde das dann gefertigt.

          Haben Sie denn Ihre Figur der Kanzlerin mal ausprobiert, indem Sie in eine Bäckerei gegangen sind und ein paar Brötchen bestellt haben?

          Nee (lacht). Wir haben ja manchmal auf der Straße oder sonst im Freien gedreht. Wenn ich dann aus dem Auto aussteigen musste, haben die Leute, wenn das noch nicht so abgesperrt war, uns zugeguckt und getuschelt. Aber ich bin damit nicht durch Berlin gelaufen wie in dem Film „Sein oder Nichtsein“, wo der Hitler-Darsteller in voller Maske durch Warschau läuft, zum Schrecken der nichts ahnenden Polen.

          „Ich habe nie den Druck verspürt, ich muss der Kanzlerin jetzt gleichen wie ein Ei dem anderen“: Kogge Mitte März in Berlin

          Bei historischen Stoffen ist einem als Zuschauer wichtig, dass die Darsteller aussehen wie das historische Vorbild: dass Meryl Streep auch eine körperliche Ähnlichkeit mit Margaret Thatcher hat. Oder?

          Ja, das ist natürlich der Spaß an der Sache. Es geht ja nie darum – und in unserem Fall ging es explizit nicht darum –, eine Kopie herzustellen, sondern es ging immer nur um eine Annäherung an die Person. Wir wollten Zeichen finden, um dem Zuschauer das zu ermöglichen. Da gehören natürlich Gang, Kleidung, Frisur dazu. Das sah man ja so toll an dem Film „The Queen“ von Stephen Frears: dass da immer zwei Personen zu sehen waren, die Königin – und eine Darstellerin, Helen Mirren. Das hat sich so gegenseitig befruchtet, und es war ein besonderer Spaß, dass man beides zulassen kann.

          Ich muss gestehen, bei mir hat die äußerliche Ähnlichkeit einen großen Anteil am Vergnügen.

          Ja, das stimmt. Das zu entdecken macht Darstellern und Zuschauern Spaß, aber ein Spaß, der einem erlaubt, den Schauspieler wieder anders erleben zu dürfen. Mich nicht verstecken zu müssen hat mir eine bestimmte Freiheit gegeben. Für mich war ganz wichtig bei der Arbeit, dass ich nicht den Druck verspürte, ich muss der Kanzlerin jetzt gleichen wie ein Ei dem anderen.

          Ich fand ja andererseits, dass, nur mal als Beispiel, Josef Bierbichler als Seehofer großartig spielt – obwohl er äußerlich eher von ferne an diesen erinnert. Er verrät aber trotzdem was über den Menschen. Wie ist das mit Ihrer Merkel? Glauben Sie, dass Sie was vermitteln über die Kanzlerin?

          Also, ich glaube und hoffe, dass ich etwas transportiert habe, was zum Verständnis dieser starken Politikerin beiträgt, und sei es nur, dass man sieht, unter welchem Druck sie stand und wie allein sie war, wie wichtig es ihr war, gemeinsam Lösungen zu finden und nicht im Alleingang, wie ihr das vorgeworfen wurde. Wie souverän und human sie Entscheidungen getroffen hat. Wie sie zu ihrem Kabinett stand und wie sie zu de Maizière hielt. Und wie konzentriert, unaufgeregt und effektiv sie ihr ungeheures Tagespensum bewältigt. Aber ob ich zufrieden mit „meiner“ Frau Merkel bin, das kann ich Ihnen nicht beantworten.

          Manche Schauspieler, gerade amerikanische, bemühen sich ja, möglichst mit ihrer Rolle zu verschmelzen. Sind Sie auch jemand, der so weit geht?

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