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Short Message Service : Merkels geliebter Kurznachrichtendienst, die SMS, wird 30

Angela Merkel im Bundestag mit ihrem Mobiltelefon. Bild: dpa

Mit Angela Merkel hat die prominenteste Verfasserin von SMS die politische Bühne verlassen. Als Bundeskanzlerin hat sie immer per SMS kommuniziert, auch beim Rücktritt des Bundespräsidenten. Und wie war das bei Guttenberg?

          2 Min.

          Am Donnerstag der kommenden Woche wird es nicht nur ein Jahr her sein, dass Deutschland von seiner ersten Bundeskanzlerin Abschied nehmen musste. Es verließ auch die prominenteste Verfasserin von SMS die politische Bühne. Angela Merkel nutzte als Kanzlerin zur schnellen und unkomplizierten Kommunikation mit vielen politischen Akteuren den „Short Message Service“ exzessiv und – wie versichert wird – weitgehend exklusiv. Dass sie Nachrichten über Whatsapp oder andere Messengerdienste verschickt hätte, ist zumindest nicht bekannt geworden, während über ihre SMS viel erzählt wurde. Manches auch geraunt.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Zur größten, wenn auch nicht für jeden Beteiligten ruhmreichen Bekanntheit gelangte eine kurze SMS Merkels, mit der sie auf eine deutlich längere des damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel antwortete. Horst Köhler hatte nicht nur zur Überraschung, sondern mehr noch zum Missfallen der Kanzlerin kurz nach seiner Wiederwahl erklärt, dass er das Amt des Bundespräsidenten aufzugeben gedenke. Gabriel hatte Merkel daraufhin wissen lassen, dass sie mit der Unterstützung der SPD rechnen könne, sollte sie sich dafür entscheiden, den ostdeutschen Pfarrer und ersten Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, als Kandidaten auszuwählen. Merkel hatte Ga­briel kurz, aber korrekt für die Information gedankt.

          Anschließend geschah das fast Undenkbare: Der Austausch zwischen den beiden Parteivorsitzenden landete in der Öffentlichkeit. Da erstens bekannt ist, wie Merkel derartige Vertrauensbrüche verabscheut, und sie zweitens keinerlei Interesse an einer Veröffentlichung haben konnte, weil sie ja einen anderen Kandidaten (Christian Wulff) wollte, konnte man sich denken, wer den vertraulichen Austausch durchgestochen hatte. Jedenfalls soll es für längere Zeit eine Sendepause zwischen Merkel und Gabriel gegeben haben.

          Im Bundestag: Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel tippt auf ihrem Mobiltelefon.
          Im Bundestag: Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel tippt auf ihrem Mobiltelefon. : Bild: AP

          Geradezu geheimnisumrankt ist bis heute ein anderer SMS-Fall aus dem Leben der Kanzlerin. Oder vielmehr: ein mutmaßlicher SMS-Fall. Am 1. März 2011 waren Merkel und ihre Bildungsministerin (sowie Vertraute) Annette Schavan auf der Cebit in Hannover. Merkels Handy meldete sich, die Kanzlerin schaute drauf, lächelte in sich hinein, gab das Handy an Schavan weiter, die etwas uneindeutig guckte. Es war der Tag, an dem der einstige politische Superstar von der CSU Karl-Theodor zu Guttenberg vom Amt des Verteidigungsministers zurücktrat. War das die SMS, mit der Merkel davon erfuhr? Hätte sie sich dann gefreut, obwohl sie Guttenberg doch schätzte? Und wird die Öffentlichkeit es je erfahren? Noch vor einem Jahr hat ein Gericht die Herausgabe der SMS der Kanzlerin abgelehnt.

          Währte die Kanzlerschaft der prominenten Nutzerin 16 Jahre, hält die SMS schon fast doppelt so lange durch. An diesem Samstag feiert sie ihren 30. Geburtstag, wenn auch im schrumpfenden Kreis. Es war der 3. Dezember 1992, als der britische Computertechniker Neil Papworth die erste SMS verschickte. Anders als Whatsapp oder weitere Nachfolger wird die SMS nicht über das Internet, sondern über das Mobilfunknetz verschickt. Die Textnachrichten können also auch ohne Internetzugang verschickt werden.

          Als Angela Merkel auf dem Weg nach oben war, konnte die SMS erst noch eine Weile mithalten. Noch in ihrer zweiten Legislaturperiode zwischen 2009 und 2013 wurden Rekordmeldungen verbreitet über Hunderte Millionen, bald schon Milliarden SMS, die verschickt würden. Doch während Merkel ihre Position stabilisieren konnte, entschlossen auf die dritte Amtszeit zuging, trat mit den Smartphones, also dem (fast) ständigen mobilen Zugang zum Internet, eine existenzielle Bedrohung für die SMS auf: eben jene Möglichkeit, Kurznachrichten über das Internet zu verschicken.

          Der Niedergang des von Merkel so viel genutzten Kurznachrichtendienstes nahm seinen Lauf. Verschickten die Nutzer im Jahr 2012 noch 60 Milliarden SMS, so waren es im Jahr 2019 nicht einmal mehr neun Milliarden. Allerdings muss man sagen, dass da auch der politische Abstieg von Angela Merkel begonnen hatte, nachdem sie im Herbst 2018 verkündet hatte, sich vom CDU-Vorsitz zurückzuziehen und bei der nächsten Wahl nicht mehr als Kanzlerkandidatin zur Verfügung zu stehen. Wenn auch mit etwas Verzögerung, so sind Angela Merkel und die SMS doch gemeinsam von den höchsten Gipfeln ihrer Erfolge hinabgestiegen.

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