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Slowakei und Ungarn : Ilonkas langer Weg zurück

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Die Slowaken nehmen einer 100 Jahre alten Frau die Staatsbürgerschaft – dabei wurde sie für ihre Verdienste schon mit der Goldmedaille der Slowakischen Republik ausgezeichnet.

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          Alle kennen „Tante Ilonka“. Lehrerin war sie. Fast ein halbes Jahrhundert lang brachte sie Schülern aus Rimavská Sobota (Rimaszombat/Großsteffelsdorf) in der Südslowakei Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Den Begabten - ob aus slowakischen oder ungarischen, ehedem auch aus deutsch-österreichischen Familien - ebnete sie den Weg aufs Gymnasium. Für ihre Verdienste wurde sie mit der Comenius-Medaille und der Goldmedaille der Slowakischen Republik ausgezeichnet. Und zu ihrem 100. Geburtstag kamen unzählige Gratulanten zu Ilona Tamás, die im slowakischen Einwohnerregister als Helena Tomásová geführt wird.

          Das alles schützte die alte Dame, die seit ihrem Geburtsjahr 1912 ihrer Heimatstadt stets die Treue hielt, nicht vor dem Verlust der Staatsbürgerschaft. Der slowakischen, denn Ilona Tamás hatte im April 2011 die ungarische beantragt - eine vom ungarischen Parlament für Magyaren außerhalb des Landes gesetzlich geregelte Möglichkeit. Als ihr diese vor einem halben Jahr erteilt wurde und sie die Stadtväter von Rimavská Sobota davon in Kenntnis setzte, entzogen ihr die Behörden die slowakische Staatsbürgerschaft.

          Bratislava (Pozsony/Pressburg) misst in der Staatsbürgerschaftsfrage nicht allein mit zweierlei Maß: Zwar gewährt es ethnischen Slowaken außerhalb der Slowakei die slowakische; doch slowakische Staatsbürger nicht-slowakischer Nationalität gehen automatisch der slowakischen verlustig, wenn sie (auch) die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes annehmen. Das Vorgehen verstößt auch gegen einen Verfassungsartikel, wonach „niemandem die Staatsbürgerschaft der Slowakischen Republik gegen seinen Willen entzogen werden darf“. Auf das Urteil des Verfassungsgerichtshofs für die bislang 25 öffentlich bekannt gewordenen Fälle darf man deshalb gespannt sein.

          Das von der ersten Regierung Fico (2006 bis 2010) novellierte und seitdem unverändert gebliebene Staatsbürgerschaftsgesetz zielt in erster Linie auf die vornehmlich in der Südslowakei beheimateten ungefähr 560 000 Magyaren, die zehn Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen. Die Wucht der Gesetzesänderung traf somit auch die Hundertjährige in voller Härte, mochte Frau Tomásová respektive Tamás noch so angesehen und noch so sehr in ihrer Heimat verwurzelt sein. Als „Person ohne registrierte Anschrift“, als die sie seit dem Verlust der slowakischen Staatsbürgerschaft amtlich gilt, hatte sie ihren Personalausweis sowie ihren Pass abzugeben und wurde aus der staatlichen Krankenversicherung ausgeschlossen. Schließlich erklärte man sie formell zur „unerwünschten Person“. Als solche hatte „Tante Ilonka“ zum Geburtstag nur den Wunsch geäußert, dass sie, die sie zu ihrer Tochter nach Ungarn übersiedelte, „gerne weiter in Rimaszombat leben würde“, wo sie am 16. Mai 1912 als ungarische Staatsbürgerin geboren wurde.

          Damals gehörte ihr Geburtsort als Verwaltungssitz des Bezirks Gemer und Kleinhont (Gömör és Kishont/ Gemersko-malohontská zupa) als Teil Ober-Ungarns, als der die heutige Slowakei seinerzeit galt, zum Königreich Ungarn und also zum transleithanischen Reichsteil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Als das Habsburgerreich nach dem Ersten Weltkrieg in seine nationalen Bestandteile zerfiel, wurde die Zehnjährige Staatsbürgerin der Tschechoslowakei.

          Im Alter von 26 Jahren wurde Helena Tomásová mit dem Ersten Wiener Schiedsspruch 1938, aufgrund dessen Gebiete mit magyarischer Bevölkerungsmehrheit in der Südslowakei und in der Karpato-Ukraine Ungarn zugesprochen wurden, als Ilona Tamás Staatsbürgerin Ungarns. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als das „befreite Ungarn“ diese Gebiete wieder an die „befreite Tschechoslowakei“ abtreten musste, wurde die 33 Jahre alte Ungarin Ilona wieder zur Tschechoslowakin Helena. Den dritten Wechsel der Staatsbürgerschaft gewärtigte die mittlerweile Achtzigjährige 1992, da sich Tschechen und Slowaken trennten. Und mit der Aberkennung der slowakischen Staatsbürgerschaft im November 2011 ist der Hundertjährigen nur mehr die ungarische geblieben.

          Wie die Fälle anderer Magyaren, denen es in der Slowakei ging und geht wie Ilona Tamás, ist auch ihr Fall Gegenstand nationalitätenpolitischer Auseinandersetzungen zwischen Budapest und Bratislava, wobei das ungarische Außenministerium mit den moderateren Tönen, die seit Amtsantritt der Regierung Fico II im April aus Pressburg kommen, eine gewisse Entspannung verbindet, die es sich in der Staatsbürgerschaftsfrage erhofft. Doch wie auch immer sich die Dinge noch entwickeln mögen: „Tante Ilonka“ lebt auch ohne slowakische Staatsbürgerschaft in der beruhigenden Gewissheit, als Ungarin zu sterben, die sie bei Geburt war.

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