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Skurrile Namen : „iPhone Sieben als Vorname“

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Auch ein Name, mit dem es ein Kind nicht unbedingt leicht hat: Chantal Bild: dpa

Gabriele Rodríguez berät Eltern und Standesämter bei der Wahl und Genehmigung von Vornamen. Manchmal ist das bitter nötig. „Einer Schnuckelpupine, einem Kevin oder dem Pumuckl sind gewisse Möglichkeiten verbaut“, sagt sie im Interview.

          Frau Rodríguez, „nomen est omen“, besagt ein lateinisches Sprichwort. Und Sie selbst wurden nach der Eiskunstläuferin Gabriele Seyfert benannt. Bestimmen unsere Namen wirklich unser Schicksal?

          Ja, zu einem gewissen Grad tun sie das. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien durchgeführt, die zeigen, dass es innerhalb einer Sprachgemeinschaft ähnliche Vorstellungen über einen Namen und damit auch über seinen Träger gibt. Ein bestimmter Name bringt folglich Vor- oder Nachteile mit sich. Einer Schnuckelpupine, einem Kevin oder dem Pumuckl sind gewisse Möglichkeiten verbaut; zumindest müssen sie, völlig unverschuldet, wegen ihres Namens gegen extreme Vorurteile ankämpfen.

          Welche Rolle spielt der Name beim Dating?

          Der Name macht da schon was aus. Eine Isabella stellt man sich schöner und attraktiver vor als eine Bärbel. Das liegt an jahrhundertealten Assoziationen, die mit den Namen verbunden sind. Gute Chancen beim anderen Geschlecht haben außerdem Felix, Paul und Lukas sowie Hannah, Lena und Katharina. Übrigens: Bodenständige, traditionelle Namensträger hält man für intelligenter.

          Elif und Mohammed führten die Rangliste der beliebtesten türkisch-arabischen Vornamen in Deutschland im Jahr 2016 an.

          Sie wurden bereits von der Kriminalpolizei gebeten, anhand von Namen Täterprofile zu erstellen. Welche Informationen können Sie einem Vornamen entnehmen?

          Ich kann an einem Vornamen ablesen, aus welcher Region eine Person wahrscheinlich kommt. Eltern im nord- und ostdeutschen Raum geben öfter kurze Namen: Im Süden würde Max eher Maximilian heißen. Außerdem klingen Namen aus dem Norden potentiell härter, im Süden weicher. Auch kann man ableiten, aus welcher sozialen Schicht die Eltern tendenziell kommen. Traditionelle Namen verorte ich in einer gutbürgerlichen, akademischen Familie. Englische Namen oder Trendnamen aus Filmen und Serien sind eher den bildungsfernen Schichten zuzuordnen. Das alles ist natürlich vage und die Grenzen sind fließend, ein verlässliches Bild wie von der Kripo gewünscht kann ich anhand des Namens nicht erstellen, nur Vermutungen äußern.

          Grundsätzlich gilt in Deutschland eine freie Vornamenwahl. Wann wird ein Antrag trotzdem abgelehnt?

          Es gibt drei Kriterien, die Standesämter bei der Wahl von Vornamen berücksichtigen. Zum einen darf das Wohl des Kindes nicht beeinträchtigt sein. Das ist ein sehr schwer fassbares Kriterium. Ich kenne eine Pepsi Carola, die mit ihrem Namen glücklich ist. Weniger selbstbewussten Frauen würde das etwas ausmachen. Das zweite Kriterium besagt, der Name muss als Vorname erkennbar sein. Drittens muss Geschlechtseindeutigkeit herrschen; das wird jedoch seit Ende der neunziger Jahre nicht mehr so strikt befolgt. Grundsätzlich zeichnet sich ab, dass wir immer mehr immer ausgefallenere Namen haben. 500 000 zugelassene Vornamen gibt es momentan in Deutschland, allein 2015 sind 1100 neue hinzugekommen.

          Es gibt jahrhundertealten Assoziationen, die mit bestimmten Namen verbunden sind.

          Warum wählen Eltern immer skurrilere Namen aus?

          Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es keine gebundene Namensgebung mehr. Eltern müssen ihre Kinder nicht mehr nach dem Opa oder der Patentante benennen. Außerdem werden Eltern zunehmend von Musik, Fußball und Medien beeinflusst. Seit der WM gibt es mehrere Kinder, die Mats heißen – benannt nach dem Verteidiger Mats Hummels. Auch Künstler und die Namen ihrer Kinder beeinflussen, vor allem bildungsfernere Schichten. Sarah Connor hat ihr Kind vor ein paar Jahren Summer genannt, damals war das kein anerkannter Vorname in Deutschland. Nun werden jedes Jahr ein paar kleine Summers bei uns geboren.

          Bei Ihren Forschungen stoßen Sie immer wieder auf Fälle, in denen Kinder nach Produkten und Marken benannt werden. Warum ist das so?

          Das geht auf Marketingaktionen von Firmen zurück, die teilweise nicht einmal ernst gemeint sind. Letztes Jahr hat ein großer Elektronikmarkt in Kiew versprochen, fünf iPhones zu verschenken: an Kunden, die ihren Namen in „iPhone Sieben“ (auf ukrainisch: „Ajfon Sim“) ändern lassen. Vier Männer und eine Frau haben das getan. Zugegebenermaßen ist eine Namensänderung in der Ukraine vergleichsweise leicht und günstig: Sie kostet nur etwa zwei Euro, das Handy dagegen rund 780 Euro. In Deutschland gab es einen ähnlichen Fall, als 2001 in Leipzig eine neue Filiale von Galeria Kaufhof eröffnete. Damals bot man für jedes Kind, das an diesem Tag geboren und auf den Namen Galeria getauft würde, 5000 Mark an, außerdem verschiedene Produkte und nach Wunsch eine Lehrstelle bei Galeria. Tatsächlich nannten daraufhin zwei Elternpaare ihr Kind Galeria, den Namen gibt es sogar im Italienischen, die Genehmigung war also kein Problem. Bei dem Vornamen Kaufhof hätte ich allerdings ein Veto eingelegt.

          Jesus und Adolf sind für Sie absolute Tabu-Namen. Dennoch sind die Namen in Deutschland nicht verboten.

          Mit No-Gos oder Tabu-Namen meine ich Namen, die dem Kind das Leben wirklich schwermachen können. Den ersten deutschen Jesus gab es 1997, der Name ist offiziell gestattet. Trotzdem rate ich Eltern davon ab; es ist eben doch eine sehr schwere Bürde, die dem Kind damit aufgeladen wird. Adolf wiederum ist geschichtlich enorm vorbelastet. Allerdings erfährt der Name ein kleines Comeback. In den letzten Jahren wurden regelmäßig rund 20 Neugeborene Adolf genannt, meist nach dem Großvater. Verweigern können Standesbeamte den Namen nur, wenn sich klare rechtsradikale Hintergründe nachweisen lassen.

          Gabriele Rodríguez arbeitet an der Namensberatungsstelle der Universität Leipzig.

          Sie haben zwei Kinder, Dennis und Diana. Welche Kriterien haben Sie bei der Namenswahl berücksichtigt, was würden Sie anderen Eltern raten?

          Dennis als Name wird eher bildungsfern eingestuft, das war mir damals nicht bewusst. Heute würde ich meinen Sohn daher Clemens nennen. Allgemein empfehle ich Eltern, sich vorzustellen, sie würden so heißen, wie sie ihr Kind nennen wollen. Da kommen einige dann doch ins Nachdenken. Und Eltern, die auf ausgefallenen Namen beharren, lege ich nahe, einen normalen Zweitnamen auszusuchen. Dann haben die Kinder noch eine Alternative, falls sie mit ihrem Erstnamen nicht klarkommen.

          Gabriele Rodríguez arbeitet als einzige auf Vornamen spezialisierte deutsche Forscherin an der Namensberatungsstelle der Universität Leipzig. Das Buch „Namen machen Leute – Wie Vornamen unser Leben beeinflussen“ ist im Verlag Komplett-Media erschienen; 248 Seiten, 19,99 Euro.

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