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Skigebiete in Italien : Leere Lifte, volle Parkplätze

Im Wartestand: ein Skiliftbetreiber in Bardonecchia im Piemont Bild: dpa

In Italien wächst der Ärger über den abermals verschobenen Beginn der Skisaison. Die Entscheidung des Gesundheitsministers hat in Rom schon zur ersten Kabinettskrise in der Allparteienregierung geführt.

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          Auf dem Übungshügel hat sich, zur Lektion am Morgen bei Sonnenschein, ein halbes Dutzend Kinder eingefunden. Mit mäßigem Erfolg wirbt der Maestro, so werden in Italien Skilehrer genannt, um Aufmerksamkeit in dem aufgedrehten Häuflein. Die ersten Rutschversuche enden fast alle auf dem Hinterteil. Obwohl dieser Übungshügel eher eine Wiese ist mit minimalem Gefälle.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Da ist der Trupp der Kinder auf der benachbarten Piste Coca mit ihrem Maestro schon weiter. Den letzten Parallelschwung ziehen sie bis zum Drehkreuz vor dem Schlepplift, wo es zu leichtem Gedrängel kommt. Warteschlangen gibt es freilich nicht. Denn in Italien bleiben, gemäß Dekret von Gesundheitsminister Roberto Speranza vom Sonntagabend, alle Skigebiete für Freizeitsportler bis zum 5. März geschlossen. In der Region Venetien hatte man sich auf die Eröffnung der Skisaison an diesem Mittwoch vorbereitet. Im Piemont und in der Lombardei hätte der ohnedies verspätete Startschuss am 15.Februar fallen sollen. Doch dann trat Minister Speranza auf Anraten des wissenschaftlich-technischen Beirats der Regierung auf die Skibremse.

          Einige Schlepp- und Sessellifte im Skigebiet Alpe del Nevegàl laufen trotzdem. Das hängt damit zusammen, dass Unterricht in der Skischule als Lehrveranstaltung und nicht als Freizeitaktivität gilt. Deshalb dürfen Skischüler und ihre Lehrer die Lifte nutzen. Auf die Pisten, überall in Italien mit reichlich Schnee gesegnet und meist bestens präpariert, dürfen grundsätzlich alle, auch Freizeitsportler. Die dürfen aber die Liftanlagen nicht benutzen, selbst wenn diese, wie in Nevegàl, die ganze Zeit leer laufen und sich dabei, ohne Skifahrer, gewissermaßen um sich selbst drehen.

          „Wir sind natürlich sehr enttäuscht“

          Nevegàl ist ein kleines Skigebiet in den venetischen Voralpen auf 1000 bis 1600 Meter Meereshöhe. Von der Provinzhauptstadt Belluno, drunten im Tal der Piave gelegen, sind es 20 Autominuten. Viele Leute aus Belluno haben sich an diesem idealen Tag für Wintersport zum Hausberg aufgemacht, die Parkplätze sind voll belegt. Mit Schlitten und geschulterten Skiern stapfen sie die Hügel und Pisten hinauf. Fast alle tragen gemäß regionaler Vorschrift einen Mund-Nasen-Schutz, den sie nur bei der Abfahrt unter das Kinn gleiten lassen. Und die meisten halten sich auch an die Abstandsregeln. Für die abermalige Verlängerung der Sperrung der Skigebiete hat hier fast niemand Verständnis. Schließlich hat die Regierung in Rom die Region Venetien sowie andere Nordregionen wie die Lombardei und das Piemont als „gelbe Zone“ mit gemäßigtem Infektionsrisiko ausgewiesen. Die darbende Tourismusbranche hoffte, Mitte Februar könne es endlich losgehen.

          „Die Liftbetreiber, Gastwirte, Hoteliers und wir haben viel Geld investiert, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten“, klagt Sonia von der Ski- und Snowboardschule Nevegàl: „Auch unser saisonales Personal haben wir eingestellt.“ Nach dem Beschluss, die Skigebiete frühestens am 5. März zu öffnen, sei die Saison faktisch gelaufen. „Der Schnee ist jetzt noch sehr gut, aber Anfang März wird er hier auf nur 1000 Meter Höhe schon zu weich.“ Für den Fremdenverkehr in Belluno und Umgebung zeichne sich in der Wintersaison 2020/21 ein Totalausfall ab.

          Das sieht Alessandro Molino ähnlich. Er ist technischer Direktor bei Nevegàl 2021, der Betreibergesellschaft des Skigebiets. „Wir sind natürlich sehr enttäuscht, denn wir haben alle Hygieneprotokolle befolgt. 24 Stunden vor dem erhofften Saisonstart und in den letzten Tagen der Karnevalsferien, die für uns sehr wichtig gewesen wären, war das eine kalte Dusche. Und das in einem Jahr mit fabelhaftem Schnee.“ Die Skigebiete am 5. März zu öffnen sei etwa so, als würde man „die Strandsaison an den Küsten im November beginnen lassen“, klagt auch Paolo Doglioni, Präsident der Handelskammer in Belluno.

          Derweil hat die Entscheidung von Gesundheitsminister Speranza in Rom schon zur ersten Kabinettskrise in der Allparteienregierung von Ministerpräsident Mario Draghi geführt – noch ehe dieser an diesem Mittwoch die Vertrauensfrage im Senat stellen wird. Kabinettsmitglieder der konservativen Parteien sowie linke und rechte Regionalpräsidenten aus dem Norden haben Speranza scharf kritisiert, weil er die Entscheidung ohne vorherige Absprache im Kabinett getroffen habe.

          Im Piemont hat der Betreiber eines Skigebiets im Vigezzo-Tal ungeachtet der Verfügung aus Rom die Lifte und Gondeln am Montag wie geplant in Betrieb genommen. Denn Minister Speranza hatte es versäumt, seine Presseerklärung vom Sonntagabend mit der Entscheidung zum Skistopp zu datieren. Den herbeigeeilten Carabinieri beschied der Liftbetreiber, er habe ja nicht wissen können, wann die Entscheidung aus Rom in Kraft treten solle. Die Carabinieri ließen die mit 30 Prozent Kapazität betriebenen Lifte am Montag laufen, verhängten auch keine Strafen. Am Dienstag war es aber auch im Vigezzo-Tal schon wieder vorbei mit der Freude am Skifahren in Italien bei idealem Schnee und schönstem Wetter.

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