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Simone Thomalla : Schnucki, es passt

Von der Schauspielerei infiziert

Ihr Weg begann in einem behüteten Künstlerhaushalt in Potsdam. „Man glaubt es vielleicht kaum, aber ich war wirklich ein sehr stilles, schüchternes, zurückhaltendes Kind“, sagt sie. Ihren Vater, Szenenbildner bei der Defa, begleitete sie häufig zu Dreharbeiten, doch selbst vor der Kamera zu stehen, den Wunsch verspürte sie damals nicht. „Papa fand das auch gut so. Die Schauspielerei war ihm nichts für seine kleine Prinzessin. Er wusste ja, wie schwer es ist, in diesem Beruf zu bestehen.“

Dann aber, als sie in der zehnten Klasse war, überredete sie ein Kollege des Vaters doch zu Probeaufnahmen, so hieß damals das Casting, und Thomalla bestand. Der Film handelte ausgerechnet von den Abgründen des Kapitalismus, es ging um einen Mann in Westdeutschland, der nach langjähriger Firmenzugehörigkeit rausgeschmissen wird, aber aus Scham vor der Familie weiterhin jeden Morgen so tut, als ginge er zur Arbeit. Thomalla bekam die Rolle der Tochter, die den Schwindel entdeckt. Zu den Außendrehs nach West-Berlin durfte sie nicht mit, von der Schauspielerei aber war sie fortan infiziert. Sie bewarb sich an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin. Ihre Mitstudenten hießen Jan Josef Liefers, Götz Schubert, Tobias Langhoff, Gerit Kling, cool, ja, aber die Schule selbst hat sie nicht in bester Erinnerung. „Es war nicht gerade die schönste Zeit meines Lebens. Man wurde oft reduziert auf die Optik. Wer gut aussah, musste mehr tun, um akzeptiert zu werden.“

Emotionale Wuchtbrumme und kühler Analytiker: Thomalla neben Martin Wuttke im Leipziger Tatort
Emotionale Wuchtbrumme und kühler Analytiker: Thomalla neben Martin Wuttke im Leipziger Tatort : Bild: dpa

Thomalla musste demnach mächtig rackern. Und auch heute muss, wer gut aussieht, nicht weniger tun, glaubt sie; dass Frauen ihre Reize einsetzen und ausspielen sollten, dagegen umso mehr. „Wir haben sie bekommen, also dürfen sie doch für irgendwas gut sein.“ Und egal ob als „Tatort“-Kommissarin, Mutter oder Managerin - fast immer laufen Thomallas Figuren in kurzem Leder- oder Jeansjäckchen und mit offenem Haar und Schmollmund durchs Bild.

Ihr erstes Engagement führte Thomalla Ende der achtziger Jahre ans Jugendtheater in Dresden. Oh je, habe sie anfangs gedacht und sich schon im Marienkäfer-, Bärchen- und Froschkostüm über die Bühne hüpfen sehen. Stattdessen spielte sie in „Kabale und Liebe“, „Medea“, „Romeo und Julia“. „Da habe ich die Liebe zu diesem Beruf noch mal ganz neu entdeckt.“ Und dennoch kehrte sie nach den drei Jahren dort nie wieder auf eine Theaterbühne zurück.

Friedliche Revolution als Geschenk

Im Herbst 1989 brachte Thomalla ihre Tochter Sophia zur Welt. Und nicht nur in dieser Hinsicht veränderte sich ihr Leben. Die friedliche Revolution in der DDR empfand Thomalla als Geschenk - aber auch als existentielle Bedrohung. „Bis dahin war alles überschaubar, aber nun waren tolle Leute aus dem Westen auf einmal unmittelbare Kollegen, da kam schon Panik auf.“

Im Sommer 1989 durfte sie, bereits im sechsten Monat schwanger, mit ihrem Vater zur Oma nach Castrop-Rauxel fahren; Freunde rieten ihr, „drüben“ zu bleiben, aber sie dachte nicht daran. „Ich hab den ganzen Überfluss nicht verkraftet, war völlig überfordert.“ Zehn Tage durfte sie bleiben, doch schon nach sieben kehrte sie zurück. „Ich war ganz erleichtert, als ich wieder zu Hause war.“

An die Konsumgesellschaft gewöhnte sie sich trotzdem „erschreckend schnell“, und ihre DDR-Herkunft streifte sie auf wundersame Weise ab. Schon bald nach der Wende wurde Thomalla selbst im Osten häufig für eine westdeutsche Schauspielerin gehalten. „Komisch, ja, aber fragen Sie mich nicht, warum“, sagt sie.

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