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Manifest gegen Sprachverrohung : „Weil die Schule ein Spiegel der Gesellschaft ist“

In Klassenzimmern hat nach Ansicht des bayerischen Lehrerverbands eine Sprachverrohung eingesetzt. Bild: dpa

Simone Fleischmann vom Lehrerverband BLLV beklagt eine Verrohung der Sprache auch bei Kindern. Die Antwort des Verbands ist ein Manifest gegen diese Entwicklung.

          Frau Fleischmann, der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) warnt in einem Manifest vor einer Verrohung der Sprache. Können Sie als Verbandspräsidentin erklären, worum es geht?

          Christoph Strauch

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der BLLV hat Sorge um die gesellschaftliche und politische Stimmung im Lande. Weil bei uns nächste Woche die Schule wieder beginnt, sind wir der Meinung, dass dieser aktuelle politische Diskurs gefährlich ist für unsere Schüler. Wir wollen deshalb appellieren, gegen sprachliche Verrohung zu stehen, und zu intervenieren, wenn hier Grenzen überschritten werden. Auch die Bundeskanzlerin sprach kürzlich vom „sprachlichen Extremismus“, und angesichts dessen wollen wir als Lehrer Vorbilder sein und Haltung zeigen, wenn es zu entsprechenden Grenzüberschreitungen kommt.

          Wie lange wurde die Aktion vorbereitet und warum kommt sie gerade jetzt? Das Thema steht ja schon lange auf der Tagesordnung.

          Die Diskussion geht für uns schon ein Jahr, seit die drei Worte der Kanzlerin zur Bewältigung der Flüchtlingskrise politisch diskutiert werden. Als im Bayerischen Landtag die erste Lesung des Integrationsgesetzes stattfand, sind aus unserer Sicht auch einige politisch verantwortliche Menschen da nicht mit positivem Beispiel vorangegangen. Das war für uns eine einschneidende Erfahrung. Außerdem werden Lehrer selbst Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie sich für Flüchtlinge engagieren, weil Eltern Angst haben, dass ihre Kinder nun zu kurz kommen, beispielsweise wenn es um Plätze für das Gymnasium geht.

          Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, mit fast 60.000 Mitgliedern die größte Pädagogenorganisation in Bayern.

          Warum kommt die Initiative von einem einzelnen Landesverband und hat keine bundesweite Dimension?

          Wir wollen als Landesverband das Thema auch bundesweit anstoßen. Das Interesse ist nicht nur in Bayern groß, wie viele Interviews zeigen, die wir heute schon überregionalen Medien gegeben haben. Dass gerade der BLLV hier eine Vorreiterrolle spielt, liegt daran, dass wir ein sehr mitgliederstarker Verband sind und uns zudem durch gesellschaftliches Engagement auszeichnen. Deshalb haben wir beschlossen, die Dinge anzugehen. Wir wollten zeigen, dass Schule nicht ohne Gesellschaft geht und Gesellschaft nicht ohne Schule, das ist ja nicht auf Bayern beschränkt.

          Klingt „Manifest“ nicht ein wenig hochgegriffen? Hätte es nicht zum Beispiel auch eine „Denkschrift“ getan?

          Dass wir über den Begriff diskutieren, zeigt ja, dass er richtig ist. Er ist aber auch deshalb richtig, weil wir unsere Ziele ganz oben plazieren wollen. Es geht mir nicht um das Wort, sondern um Inhalte. Weil aber gerade deren Umsetzung für uns wichtig ist, ist das starke Wort nicht gewählt, um einfach nur Aufmerksamkeit zu erregen. Zudem ist klar: Wenn wir in einem Pamphlet auf so grundsätzliche Bezugspunkte wie den Artikel 1 des Grundgesetzes verweisen, ist es hier mit einem nett klingenden Wörtchen wie „Leitschrift“ nicht getan.

          Ist eine Tendenz hin zu sprachlicher Verrohung bei Ihren Schülern so klar erkennbar? Wie äußert sich das?

          Wir erleben schon, dass Kinder aufnehmen, was in der politischen Diskussion stattfindet. Teilweise beleidigen Kinder andere Kinder und auch Lehrer. Da muss man reagieren. Wir sehen aktuell eine steigende Verrohung der Sprache auch der Kinder, weil sie ein Spiegel der Gesellschaft sind.

          Gilt die Besorgnis der Lehrer nur der politisch motivierten Sprachverrohung oder ist auch das zwischenmenschliche Verhältnis zwischen Schülern, von Schülern zu Eltern und Schülern zu Lehrern gemeint? Zum Beispiel wenn generell Kraftausdrücke gebraucht werden oder Geringschätzung sich in Form von Mobbing oder Respektlosigkeit gegenüber Lehrern äußert?

          Das Mobbing-Thema ist leider sehr aktuell, auch mit Blick auf den Amoklauf von München. Wir Lehrer wollen eine Chance haben, frühzeitig zu reagieren und zu intervenieren, wenn Schüler einander beleidigen. Wenn Mobbing sogar zu Tod führt, zeigt das, wie groß die Verantwortung ist. Generell gilt: Wenn Schüler schlecht miteinander umgehen, sei es wegen ihrer Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung, aber auch wegen Armut, dem familiären Hintergrund oder der Sachen, die man trägt – dann muss reagiert werden. Gegen die Ausgrenzung in Schulen gibt es Präventionsprogramme. Wir wollen aber auch ein Zeichen setzen, dass außerschulisches Mobbing nicht hingenommen werden kann, weil die Schule ein Spiegel der Gesellschaft ist und die gesellschaftlichen Themen nicht vor der Schultür Halt machen.

          Im Manifest werden „Extreme Gruppierungen“ genannt, die Betonung liegt auf „Vertretern der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten“. Ist der BLLV auch über das steigende verbale und physische Gewaltpotenzial von links besorgt, das sich immer öfter in Angriffen gegen Polizisten, aber auch Politiker entlädt – ob nun mit Fäusten oder einer tiefgefrorenen Torte?

          Wir haben uns in der Tat eine Strömung explizit herausgegriffen, allerdings meinen wir alle radikalen Gruppierungen und Taten. Selbstverständlich stellen wir uns mit dem Appell sowohl gegen rechten als auch linken Extremismus wie überhaupt gegen jede Form extremistischen Denkens und Handelns.

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