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Wasserpfeifen-Trend : Im Qualm von Blaubeer-Minze

  • -Aktualisiert am
Vielfältiger Geschmack: Shisha-Tabak

In kaum einer anderen Bar treffen so viele unterschiedliche Lebenswelten und Kulturen aufeinander wie bei der Wasserpfeife: harte Jungs neben einem Schauspieler, einer Jura-Studentin oder einem Profi-Boxer. „Die Leute sitzen hier wirklich zusammen“, sagt der 31 Jahre alte Cem Görmüs, Betreiber der Darmstädter Bar „Zeitlos“. „Sie sind miteinander, ob Kopftuchträgerinnen, Schwarze, Syrer oder Deutsche. Wir haben sogar Polizisten als Gäste.“

Görmüs, der aus einer klassischen Gastarbeiterfamilie kommt, die seit Jahrzehnten von Dönerbuden bis Burger-Restaurants ihren Fuß in der Gastronomie hat, hat sich mit seiner eigenen Bar von der Familie emanzipiert und bewusst einen deutschen Namen gewählt. „Ich konnte mich mit den orientalischen Namen nicht identifizieren.“ Das „Zeitlos“ versteht sich am Wochenende auch mehr als Club denn als Bar. „Hier wird auf den Tresen getanzt“, sagt Görmüs. „Die Jungs stellen ihre Autos vor der Tür ab, sind präsent, wollen gesehen werden. Es ist der Lifestyle, der die Menschen hierherzieht.“

Für Mutlu Karaoglan aber ist es auch die Sucht nach der Wasserpfeife. „Auch ich bin süchtig“, sagt er. Manche Gäste kämen mehrmals, bis zu siebenmal am Tag. Um ihre Gesundheit zu schützen, werden etwa im „Zeitlos“ höchstens zwei Wasserpfeifen an einen Gast ausgegeben, im Abstand von mindestens zwei Stunden. Außerdem hat es eine gute Lüftung – wegen zu hoher Kohlenmonoxidwerte fallen in schlecht belüfteten Shisha-Bars immer wieder Gäste in Ohnmacht.

In den Wasserpfeifen entstehen krebserregende Stoffe und Gifte

Dass der wassergekühlte Rauch der Shishas harmloser ist als der von Zigaretten, ist eine Mär. Der Tabak verschwelt bei niedrigen Temperaturen, wodurch Gifte und krebserregende Stoffe entstehen. „Die zahlreichen Zusatzstoffe machen ihn noch gefährlicher“, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Trotzdem steigt der Konsum von Wasserpfeifentabak. 2016 lag der Absatz in Deutschland um 45,6 Prozent höher als im Vorjahr.

Die 23 Jahre alte Pädagogik-Studentin Larissa Batlak kommt mehrmals die Woche ins „Shishantash“ in Frankfurt. „Ansonsten rauche ich meine Shisha zu Hause. In die Bar komme ich auch wegen der Leute“, sagt sie. Seit die Shisha angesagt ist, gehe sie weniger in Clubs. „Junge Menschen sind heute mehr in Shisha-Cafés als in Clubs anzutreffen“, sagt Ertun Kartal. Die strenge Türpolitik der Diskotheken für Männer sei einer der Gründe. Zudem sei mit Eintritt und Getränken eine Clubnacht teurer als ein Abend in der „Suare Lounge“, in der am Wochenende ein DJ auflegt.

„Es ist die Gesellschaft, die man hier findet. Es ist entspannend“, sagt Sascha Apel, der zusammen mit Antonios Tabas das „Gatsby“ in der Frankfurter Innenstadt betreibt, die „Hipster-Bar“ der örtlichen Shisha-Szene. Hier sucht sich die Bar ihre Gäste aus. Die Scheiben sind verspiegelt, man kann nicht hineinsehen, und die Tür ist verschlossen. Die Kellner machen die Tür auf – aber nicht jeder darf dann auch in der kleinen Bar Platz nehmen.

Minztee trinken, Wasserpfeife rauchen – und zu Nicki Minaj tanzen

Eine strenge Türpolitik soll vor streitsüchtigen Gästen schützen – und dafür sorgen, dass Stil und Ausrichtung der Bar erhalten bleiben. Glamour, Party, Liebe: „So wie im Buch und Film ,Gatsby‘ eben.“ Der 35 Jahre alte Offenbacher ist seit zwölf Jahren in der Gastronomie tätig und hat sich vor drei Jahren seinen Traum von einer eigenen Bar erfüllt.

Auch das „Shishantash“ und das „Zeitlos“ haben ihre Türpolitik – nicht nur, damit Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, sondern auch, damit ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen herrscht. „Größere Männergruppen lassen wir nicht rein“, sagt Mutlu Karaoglan. „Frauen fühlen sich dadurch bedrängt. Es gibt ja Gucken und Gucken. Manche gaffen. Als Frau ist das nicht sehr angenehm.“ Auch bei der Sitzordnung wird darauf geachtet, dass alle gemischt sitzen. „Es soll hier nicht wie in der Moschee sein, Frauen hier, Männer da“, sagt Karaoglan und lacht.

Das ist den neuen Shisha-Bars wichtig: weniger orientalisch als vielmehr modern, urban, kosmopolitisch zu sein. Sie setzen auf Vielfalt: Alter, Geschlecht oder Herkunft spielen keine Rolle. Minztee trinken, Wasserpfeife rauchen – und zu Nicki Minaj tanzen. Man teilt die Shisha und die Themen. Die einen starren auf ihr Handy und schalten ab. Die meisten aber unterhalten sich über den Job, über Beziehungen, über Sport. Karaoglan sagt: „Definitiv nicht über Weltpolitik.“

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