https://www.faz.net/-gum-91117

Shantel als Oberbürgermeister : „Ich bin gerne größenwahnsinnig“

So kennen ihn seine Fans bisher: Stefan Hantel alias Shantel strebt in die Frankfurter Stadtpolitik Bild: Esra Klein

Bisher war Stefan Hantel alias Shantel vor allem als der Erfinder des Balkan-Pop bekannt. Jetzt will er Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Frankfurt werden. Im Interview erklärt er wieso.

          Herr Hantel,  Sie sind nicht der erste Musiker mit politischen Ambitionen. Bushido verkündete 2012, er wolle Bürgermeister von Berlin werden. Danach hat man nichts mehr gehört. Wird das bei Ihnen anders sein?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ja! Für viele klingt es vielleicht lustig, absurd oder sogar größenwahnsinnig, dass ich als Musiker plötzlich Politiker werden will. Aber ich meine das sehr ernst. Ich spiele über 250 Konzerte im Jahr, weiß, wie es ist, im Rampenlicht zu stehen. Ich muss mir nichts beweisen. Und weil ich keinen Vertrag mit einem großen Musiklabel habe, sondern ganz bodenständig mit meiner eigenen kleinen Agentur unterwegs bin, brauche ich auch nicht so sehr wie andere Künstler Aufmerksamkeit und Pressemeldungen.

          Auch die Schlagersängerin Vicky Leandros hat mal einen Ausflug in die Politik gemacht. Nach zwei Jahren trat sie als Stadträtin zurück. Sie hatte den Zeitaufwand unterschätzt. Wie stellen Sie sich das mit dem Zeitaufwand vor bei 250 Konzerten im Jahr?

          Wenn ich Oberbürgermeister bin, kann ich natürlich nicht auf Tour gehen. Das ist ja klar. Das ist ein Full-Time-Job, den ich mit Freude machen würde. Ich denke, man muss die Rolle des Oberbürgermeisters, der ja nicht mit viel Macht ausgestattet ist, neu erfinden. Aus dem Grüßaugust muss man einen Menschen mit Zugkraft machen für diese Stadt. Ich sehe mich ohnehin als eine Art Sonderbotschafter dieser Stadt. Ich trete seit Jahrzehnten im Ausland auf und werde immer gefragt, woher ich komme. Viele denken, ich käme aus Berlin. Frankfurt sagt ihnen gar nichts. Da merke ich immer wieder, wie schlecht der Ruf Frankfurts ist.

          Zurecht?

          Überhaupt nicht! Frankfurt ist lebenswert, eine internationale und kulturelle Schnittstelle. Ein Mikrokosmos, den man zu Fuß ablaufen kann, aber dennoch eine Metropole. Klein, aber international. Ich würde sogar sagen, dass Frankfurt als zentrale Stadt im Herzen Europas in Zeiten von Trump, Brexit und zunehmendem Nationalismus die wichtigste Stadt überhaupt geworden ist. Da muss man mit viel visionärer Kraft rangehen.

          Das klingt jetzt tatsächlich etwas größenwahnsinnig.

          So muss man aber denken! Alles andere ist ein Fehler. Wenn ich mir die Frankfurter Innenstadt anschaue, mit den ganzen großen Ketten: Das ist ein Geschäftsmodell aus den sechziger Jahren. Das Zentrum verödet zunehmend. Wir reden viel über Sicherheit. Aber dass es in einer verödeten Innenstadt nach Ladenschluss gefährlich wird, ist doch eigentlich klar. Dagegen können repressive Polizeimaßnahmen alleine aber nicht helfen. Es braucht einen Masterplan für eine belebte und lebenswerte Innenstadt.

          Und Sie glauben, dass Sie den haben?

          In Reykjavik war bis 2014 ein Komiker und ehemaliger Punkrocker Oberbürgermeister. Die Stadt hat inzwischen die Krise überwunden und ist eine der spannendsten Metropolen der westlichen Hemisphäre. In Thessaloniki ist ein Winzer Bürgermeister. Auch er hat die Stadt wieder auf Kurs gebracht. In Deutschland denken die Menschen in dieser Hinsicht sehr konservativ. Ganz so, als ob nur Berufspolitiker gute Politiker sein könnten. Dabei sind sie es doch, die uns in diese Lage gebracht und die Kommunen heruntergewirtschaftet haben. Deshalb wählen die Leute Populisten.

          Ihre Kritik an Berufspolitikern klingt selbst etwas populistisch.

          So meine ich das aber nicht. Was ich meine: Wenn ich als Stadtverordneter erst mal darauf achten muss: Was ist die Parteilinie? Was darf ich sagen? Dann sagt am Ende keiner was. Wie bei der Drogenproblematik in Frankfurt, wo alle sich wegducken. Anstatt das Problem gemeinsam anzugehen.

          Was bedeutet für sie „gemeinsam“, wenn Sie sich keiner Partei anschließen wollen?

          Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten mit Städteplanern, Sportverbänden, Kulturschaffenden und Investmentbankern geredet. Die finden das alle super, dass ihnen mal jemand zuhört. Vor allem die Wirtschaftsverbände. Frankfurt ist eine Geldstadt, und im Gegensatz zu vielen anderen fand ich das nie unsexy. Man kann über die ganzen Banker nicht einfach sagen: Das sind Heuschrecken. Das sind Leute mit Intelligenz und Geld, die man ernst nehmen muss.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen schwerer Untreue angeklagt: Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok

          Rathausaffäre in Niedersachsen : Ohne Einsicht und völlig unbeirrt

          Die Staatsanwaltschaft Hannover hat SPD-Politiker Stefan Schostok wegen schwerer Untreue angeklagt. Der Oberbürgermeister will weiter im Amt bleiben. Doch die Anklage bringt ihn ins Wanken – und mit ihm die hannoversche SPD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.