https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/shantel-alias-stefan-hantel-ueber-fluechtlingskrise-in-europa-13935865.html

Musiker Shantel im Gespräch : „Ich bin abgeschoben worden“

Go East: Der deutsche Musiker, Musikproduzent und DJ Stefan Hantel, Künstlername Shantel, wurde mit Balkan-Pop bekannt und wandert musikalisch nun immer weiter nach Südosten. Bild: Esra Klein

Drei seiner Kollegen starben bei den Anschlägen von Paris. Trotzdem lebt Balkan-Pop-Star Shantel das kosmopolitische Europa weiter – und wendet sich im Zeichen der Flüchtlingskrise dagegen, den Kontinent abzuschotten. Aus eigener Erfahrung.

          4 Min.

          Herr Hantel, als wir dieses Gespräch vereinbarten, wollte ich mit Ihnen nicht über Terrorismus sprechen.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Es wird auch schon viel zu viel darüber gesprochen.

          Aber im Konzertsaal des Bataclan starben bei den Pariser Anschlägen 89 Menschen im Kugelhagel. Sie standen mit dem Bukovina Orkestar schon selbst dort auf der Bühne.

          Wir hatten im Bataclan eines unser besten Konzerte überhaupt. Drei Mitarbeiter unserer französischen Agentur wurden nun durch den Anschlag getötet.

          Haben Sie manchmal Angst, abends auf die Bühne zu gehen?

          Wir sind immer noch schockiert von diesen Angriffen auf unsere Freiheit. Aber zum Opfer eines Terroranschlags können wir im Konzertsaal genauso werden wie im Café oder an der Bushaltestelle. Das Beste, was wir diesen Extremisten entgegensetzen können, sind Freiheit und eine kosmopolitische Gesellschaft. Die zelebrieren wir bei jedem unserer Konzerte. Angst habe ich vor etwas anderem.

          Und zwar?

          Vor den Hassreden von Politikern, die versuchen, mit Hilfe des Terrorismus Ängste zu schüren und die Grenzen zu schließen.

          Ein Abend mit Shantel : Der Meister des Schmelztiegels

          Was bekommen Sie von der Flüchtlingskrise mit?

          Wir touren durch zahlreiche Länder, in denen Flüchtlinge unterwegs sind. Dort spielen sich überall Dramen ab. Von der türkisch-griechischen Grenze bis nach Calais sehen wir riesige Lager entstehen, in denen Menschenmassen vor sich hin vegetieren. Zudem fällt die massive Polizeipräsenz in Europa auf, vor allem wenn man über Österreich nach Südosteuropa kommt. Zwei unserer Musiker kommen aus Serbien. Das ist bei der Rückkehr jedes Mal ein Riesenaufriss. Ohne Krankenversicherung und Bürgschaft dürfen die beiden gar nicht in den Schengen-Raum zurück.

          Wie fühlen sich Ihre Musiker dabei?

          Die sind sehr pragmatisch. Sie haben immer einen Plan B oder auch C parat. Aber manchmal funktionieren auch die nicht. Wir hatten neulich eine Show auf dem Womad Festival in England. Dort durften die beiden nicht hin. Sie mussten an der Grenze umkehren. Für mich ist es ein Ärgernis. Es bestätigt mich in dem Gefühl, dass wir momentan einen Rechtsruck in Europa verspüren, der auch vor der Musik nicht haltmacht.

          Woran machen Sie das fest?

          Am stärksten merke ich das in Ungarn, wo wir jedes Jahr mehrmals auftreten. Von Journalisten dort werde ich inzwischen oft mit Behauptungen konfrontiert, dass sich meine Musik auf Wurzeln der ungarischen Musik beziehe.

          Was antworten Sie auf solche Vereinnahmungsversuche?

          Dass meine Musik ein Schmelztiegel ist, in dem sich viele Einflüsse vermischen, auch slawische und jüdische. Die ungarischen Journalisten entgegneten mir dann darauf, dass es dort keine Juden gebe und es auch überhaupt nichts mit dem Judentum zu tun habe, und man wisse ja, was es mit dem Judentum auf sich habe, und so weiter. Kurzum: Der Tabubruch, solche Themen wieder zu äußern, wurde in den letzten Jahren wieder salonfähig.

          Sie haben auch Morddrohungen erhalten.

          Das war nach dem Sziget Festival vor etwa zwei Jahren. Wir mussten damals eine Klausel unterschreiben, dass wir während der Live-Übertragung keine Kritik an der ungarischen Regierung üben. Auf dem Konzert habe ich das dann kurz mit einer frechen Bemerkung kommentiert. Nach der Show warteten ein paar Jungs im Backstage-Bereich auf mich.

          Kommt so was inzwischen häufiger vor?

          Anfeindungen habe ich des Öfteren festgestellt. Im Falle meiner Orban-Äußerungen kam eine ganze Lawine von Hass-Mails zurück. Am 16. Dezember haben wir auch wieder ein Konzert in Budapest. Schon jetzt haben Kritiker angekündigt, dort vorbeizuschauen. Ich persönlich sehe das aber entspannt.

          Spielen sich in Ländern außerhalb Europas ähnliche Dinge ab?

          Ab und an. In der Türkei habe ich schon einmal recht dramatisch Ablehnung zu spüren bekommen. Die lokale AKP-Verwaltung in Bursa hatte mich angezeigt, weil sie meinen Auftritt dort für jugendgefährdend hielt.

          Warum?

          Das weiß ich nicht genau. Ich hatte ein Konzert in Bursa, und das hat einigen Leuten nicht gepasst. Zwei Wochen später hatte ich eine Show in Ankara, und bei der Einreise in Istanbul wurde ich am Flughafen für zwölf Stunden festgesetzt. Mir wurde ohne Begründung die Einreise verweigert. Mit der nächsten Maschine musste ich wieder zurück nach Deutschland, und das Konzert fiel aus.

          Sie sind also schon einmal abgeschoben worden.

          Aus der Türkei, ja. Wochen später erfuhr ich, dass es diese Anzeige gab. Junge Menschen, so hieß es, würden bei meinem Konzert Alkohol trinken, und die Art und Weise, wie da gefeiert wird, sei auch nicht in Ordnung.

          Sie haben mal gesagt, Ihnen wäre es am liebsten, wenn die Staaten abgeschafft würden und Deutschland eine riesige WG würde. Wie stellen Sie sich das vor?

          Deutschland ist eines der wichtigsten Einwanderungsziele in Europa. Das ist eine sehr gute Entwicklung. Ökonomisch werden uns die Menschen um einiges weiter bringen, weil wir eine geburtenschwache Nation sind.

          Sollte Deutschland dafür aber nicht eher Menschen vom Balkan als aus Syrien, Afghanistan oder Zentralafrika aufnehmen?

          Ich kann nicht sagen, dass die Menschen vom Balkan besser qualifiziert wären als die Menschen aus Syrien oder einem anderen Land.

          Glauben Sie nicht, dass ihnen die Integration in Deutschland leichter fallen dürfte? Deutsch sprechen jedenfalls mehr Menschen auf dem Balkan.

          Das sind für mich Details. Wenn die Mittel zur Verfügung stehen, lässt sich die Sprache sehr schnell lernen. Was ich aus Erzählungen meiner Großeltern aus Czernowitz und der Bukowina kannte – da war es völlig normal, dass verschiedene Nationalitäten und verschiedene Sprachen auf einem Haufen präsent waren, dass man das gehört, gefühlt und gespürt hat. Das hat prosperiert, das hat sich gegenseitig beflügelt. Da muss man in Deutschland mal etwas über den eigenen Schatten springen. Klar ist das nicht einfach. Aber ich glaube, die ankommenden Menschen werden unserem Land mittelfristig unglaublich gut tun.

          Peter Maffay hat Angst vor Parallelgesellschaften. Er plädiert für eine Obergrenze bei der Aufnahme.

          Peter Maffay ist jemand, der im Osten Deutschland seine größte Fangemeinde hat.

          Und wie Sie rumänische Wurzeln.

          Ja, aber wir unterscheiden uns. Sicher ist vieles diskussionswürdig. Aber vor Parallelgesellschaften habe ich überhaupt keine Angst.

          Ihre Musik hat sich von der Elektromusik des Frankfurter Bahnhofsviertels über den Balkanpop nach Griechenland und in die Türkei nach Südosten orientiert. Werden auf dem nächsten Album mehr arabische Einflüsse zu hören sein?

          Ja.

          Und wann gibt es das erste Shantel-Konzert in einem Flüchtlingslager?

          Das hielte ich für eine sehr bemühte Showidee. Meine Mutter wurde 1947 in einem Flüchtlingslager geboren, und ich habe mit ihr viel darüber geredet. Die Menschen dort haben ganz andere Ambitionen, als einen Musiker vor sich herumhampeln zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Bundesminister Christian Lindner und Robert Habeck (rechts) am 3. Juni auf der Regierungsbank im Deutschen Bundestag

          Putins Erdgas-Krieg : Schnapsidee Gasumlage

          Mit heißer Nadel gestrickt und alles andere als solidarisch: Die Bundesregierung macht wieder einmal keine gute Figur.
          Ein wenige Wochen alter Embryo, stark vergrößert, der schon viele Organe angelegt und sich normalerweise in die Gebärmutter eingenistet hat.

          Künstliche Embryonen erzeugt : Wer braucht schon Ei, Samen, Uterus?

          Ein Embryo entsteht quasi aus dem Nichts - oder ein Homunculus? Mit Kunstembryonen sollen Organfabriken entstehen und kinderlosen Paaren geholfen werden. Stammzellforscher in Israel und USA haben die Embryozüchtung spektakulär vorangetrieben. Und deutsche Gesetze können nichts verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.