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Sexualaufklärung : Mama, Papa, wo seid ihr?

Geht gar nicht

Es ist eine Frage, der sich noch jedes Kinderbuch über Sexualität stellen muss: Wie viel Realismus vertragen kleine Kinder – und wie viel deren Eltern? Seit Jahrzehnten in nahezu jedem Kinderzimmer finden sich die Titel der „Wieso? Weshalb? Warum?“-Reihe, bei denen die jungen Leser viele Klappen öffnen können. Der Band „Woher die kleinen Kinder kommen“ ist 20 Jahre alt, noch im März dieses Jahres aber empört sich im Internet eine Rezensentin über die Seite, auf der ein Junge – „Ob Mama und Papa schon wach sind?“ – nach der Klinke der elterlichen Schlafzimmertür greift. Öffnet er beziehungsweise das lesende Kind die Tür, sieht man eine nackte Frau, die auf einem nackten Mann liegt. „Geht gar nicht“, so das Urteil der Rezensentin. Auch dieses Buch bemüht sich um einen moderneren Anstrich, die Mutter trägt Kurzhaarschnitt, und es wird festgestellt: „Manche Mädchen spielen gern Fußball, manche Jungen backen gerne Kuchen. ,Typisch Junge‘ oder ,typisch Mädchen‘ gibt es nicht.“ Schon sein erster Satz jedoch taugt heute zum Stein des Anstoßes, nicht nur bei Alleinerziehenden oder gleichgeschlechtlichen Paaren: „Alle Babys haben einen Vater und eine Mutter.“

Das niederländische Buch „Schokostreuselgroß. Ein Baby in Mamas Bauch“ von Bette Westera (2019) traut sich noch von einer Mutter zu erzählen, die das Kinderzimmer des Sohns blau streichen lässt und das der Tochter rosa. Davon abgesehen, wird auch hier auf eine differenzierte Darstellung Wert gelegt: Es geht um eine Hausgeburt, um Adoption und um Thomas, der zwei Mütter hat („Sie sind beide nett, aber Mama Lieke ist die nettere“); erst irgendwann als „Überraschung für später“ wird er erfahren, wer sein Vater ist. Und man lernt, dass manche Babys zu früh geboren werden und auch sterben: ein wiederum heikles Thema, mit dem manche Eltern ihre Kinder ungern konfrontiert sehen würden. Ausführlicher dargestellt wird auch der Sexualakt, freilich nicht ohne Abstecher in belletristische Gefilde („Den Samen in Papas Penis gefällt es auch“).

Ururalter Liebestanz

In Sonja Blattmanns schon älterem Buch „Mein erstes Haus war Mamis Bauch“ (2007) wird Sex mit „Kribbelgefühlen“ beschrieben und ein weiteres Mal die Metapher des Tanzes eingesetzt: „Sie halten sich fest umschlungen und tanzen mit ihren Körpern einen ururalten Liebestanz.“ Prosaischer und gut nachvollziehbar werden die Gedanken beschrieben, die das frisch aufgeklärte Kind sich macht: „Aber nackt aufeinander liegen? Sofie schaut ihre Mama und ihren Papa an. Sie weiß nicht, wie sie das findet.“

„Wau, waren die wild aufeinander. Sie liebten sich . . . und machten dich“, heißt es in Babette Coles „Ei, was sprießt denn da?“ von 1999, das im englischen Original den hübscheren Titel „Hair in Funny Places“ trägt. Hier hat man möglicherweise verstörenden Realismus konsequent verbannt, die Aufklärung übernimmt ein Teddybär, und Schuld am ganzen Schlamassel tragen zwei an Rattenhunde erinnernde Monster namens Herr und Frau Hormon.

Eine solche Herangehensweise wäre dem neuen Buch „Ein Baby! Wie eine Familie entsteht“ fremd – allein schon wegen der klaren Geschlechteridentitäten des Hormonpaars. Die Autorin Rachel Greener selbst beschreitet einen Weg, der Verfechtern sogenannter sensibler Sprache vertraut ist, andere aber noch irritieren wird: Ein Baby mit Hoden und Penis ist hier kein Junge mehr, nein, man „nennt“ es einen Jungen. Wen es gar nicht mehr gibt, das sind jene, die in den anderen Büchern ganz am Anfang stehen: Mama und Papa. Die einzige Mutter, die in besagtem Band noch genannt wird, ist die Gebärmutter.

Das Buch hat zweifellos das Potential, seinen jungen Betrachtern viel Freude zu machen. Ein Kind mit dunkler Haut in einer hellhäutigen Familie, ein Kind mit zwei Vätern oder Müttern: Was es ihnen bedeuten mag, sich hier völlig natürlich repräsentiert zu sehen, ist kaum zu ermessen. Ob eine solche Inklusion nur zu haben ist um den Preis einer Verbannung von Begriffen, die für die große Mehrheit positiv besetzt und unverfänglich sind, ist eine andere Frage. So droht das Buch Leser nicht nur ein-, sondern auch auszuschließen: Wen die Sprachregelung verstört, der wird es seinem Kind kaum vorlesen. Dabei werden auch Personen mit Penis oder mit Scheide, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, von ihren Kindern in irgendeiner Form benannt werden – und manche ja womöglich auch mit „Mama“ oder „Papa“.

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