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Sexualaufklärung : Mama, Papa, wo seid ihr?

Gar nicht viel anders klingt die Botschaft eines anderen Buchs, das als Klassiker der Aufklärung gilt: Im Haus Nummer 18 „wohnen mehrere Arten von Familien“, heißt es in „Peter, Ida und Minimum“, das 1979 erschien, 1980 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt und bis heute ordentlich verkauft wird. Matthias aus dem dritten Stock wohnt mit seinem Vater zusammen, Karin aus dem zweiten mit ihrer Mutter, es gibt eine Großfamilie aus Griechenland und die Svenssons, die ein Kind adoptieren möchten. Auch in anderer Hinsicht wirkt das Buch der Schwedinnen Grethe Fagerström und Gunilla Hansson modern: Die Mutter sorgt sich, ob man einen Kindergartenplatz bekommt, und am Ende merken die Geschwister Peter und Ida, dass so ein plärrendes Baby durchaus nerven kann. Schon deutlicher dem Zeitgeist der Siebziger verhaftet sind manche Ausdrücke – sagt heute noch jemand „man bumst“? – und die Unbekümmertheit, mit welcher der Vater mal eben zum Block greift und die ganze Familie nackt zeichnet.

Sex ist nur eine Option

Doch nicht deswegen will sich „Ein Baby!“ abgrenzen. Wenn es in der Mitteilung von Penguin selbstbewusst heißt, „Peter, Ida und Minimum war gestern!“, dann bezieht sich das vor allem darauf, dass Peter und Ida, deren noch zu gebärendes Geschwisterchen den Arbeitstitel Minimum trägt, ganz klassisch zusammen mit Mama und Papa leben. „Ein Baby!“ präsentiert da ein viel weiteres Spektrum: Die jungen Leser erfahren, dass Samenzellen in die Gebärmutter eingepflanzt oder im Labor mit der Eizelle zusammengesetzt werden können und dass es die Leihmutterschaft gibt, die in Deutschland allerdings bislang verboten ist. Sex als Option wird auch angeboten, doch mit Rücksicht auf transsexuelle Menschen heißt es hier: „Eine Person mit einem Penis und eine Person mit einer Scheide können beim Sex ein Baby zeugen, wenn sie das möchten.“

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Mit größtmöglicher Behutsamkeit geht schon das im Vorjahr erschienene „Wie entsteht ein Baby?“ vor, das „ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind“ sein möchte. Auf seinen Seiten tummeln sich nicht nur an Kalmare erinnernde Samenzellen, sondern kunterbunte, lustige Figuren ohne erkennbar weibliche oder männliche Merkmale, die an Keith Harings Kreationen erinnern und über die es etwa heißt: „Nicht alle Menschen haben Eizellen in sich. Manche ja, manche nein.“ Man liefere „keine Informationen zu Geschlechtsverkehr, Samenspende, Fruchtbarkeitsbehandlung, Leihmutterschaft oder Adoption“, schreibt der kanadische Autor Cory Silverberg; auffällig viele Aufklärungsbücher auf dem deutschen Markt sind Importe aus dem Ausland. Der Akt der Empfängnis wird von Silverberg biologisch fragwürdig, doch einigermaßen poetisch wie folgt beschrieben: „Wenn sich eine Eizelle und eine Samenzelle treffen, wirbeln sie in einem ganz besonderen Tanz miteinander herum. Während sie tanzen, unterhalten sie sich. Die Eizelle erzählt der Samenzelle alle Geschichten über den Körper, aus dem sie kommt.“

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