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Nobelpreisträger Tim Hunt : Alle Räder stehen still, wenn ein Antisexist es will

  • -Aktualisiert am

Biochemiker Tim Hunts Äußerungen verbreiteten sich unter dem Hashtag #distractinglysexy über Twitter. Bild: AFP

Nicht nur Nobelpreisträger Tim Hunt ist mit einem Witz über gemeinsames Forschen von Frauen und Männer in die Falle getappt. Immer öfter ernten Professoren Kritikstürme, weil sie angeblich Schlimmstes gesagt haben. Ihre Hochschulen könnten sich hinter sie stellen. Warum tun sie es nicht?

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          In dieser Woche ist ein Dokument aufgetaucht, das belegen soll, dass ein Professor nur einen Witz gemacht hat. Es geht um eine Äußerung des britischen Nobelpreisträgers Tim Hunt. Der hatte Anfang des Monats auf einer Tagung von Wissenschaftsjournalistinnen in Korea gesagt, dass man getrennte Forschungslabors für Frauen und Männer einrichten solle, denn: „Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen.“

          An dieser Stelle ein kleines Quiz. Was passierte als Nächstes?

          a) Die Frauen im Publikum buhten kritisch dazwischen, und der Professor musste weinen.

          b) Keiner maß dem Spruch irgendeine Bedeutung bei, und so forschten Männer und Frauen weiterhin in gemischten Labors, wie sie es seit Jahrzehnten tun, und wenn sie nicht gestorben sind, dann forschen sie noch heute.

          c) Leute mit Zugang zum Internet äußerten ebenda ihre Empörung über den Sexismusterror, und der Professor hat jetzt keinen Job mehr.

          Okay, das war jetzt nicht so schwer. Antwort c) ist eigentlich immer richtig, wenn heute irgendein Professor irgendetwas sagt, das andere Professoren nicht sagen. Hunt hat unter dem Druck des Fäkalsturms seine Honorarprofessur am University College London aufgegeben. Die Hochschule zeigte sich angetan von der Entscheidung. Es gehe ihr schließlich um Gleichberechtigung und Vielfalt. Auch das Dokument, das jetzt kursiert, ändert nichts mehr. Es ist ein Gedächtnisprotokoll von Hunts Vortrag, geschrieben von einem Mitglied des Europäischen Forschungsrates. Hunt habe direkt im Anschluss an seinen Spruch deutlich gemacht, dass er einen Witz versucht habe („Jetzt im Ernst.“).

          Universität: Orte des zivilisierten Streits

          Ist aber tatsächlich egal. Eigentlich geht es darum, dass Menschen es nicht mehr aushalten, wenn jemand etwas anderes denkt als sie selbst. Und das dann auch noch ausspricht. Dabei geht es um angeblich unzeitgemäße Ansichten. An Universitäten ist das ein besonderes Problem. Sie müssten Orte des zivilisierten Streits sein, nicht des Krieges (im Streit werden Argumente ausgetauscht, im Krieg niedergeschossen). An vielen Hochschulen läuft es inzwischen auf Krieg hinaus.

          Manchmal klingt das fast albern – wie in Passau, wo im Mai ein traditioneller studentischer Fensterl-Wettbewerb abgesagt wurde, weil die Gleichstellungsbeauftragte der Universität sich darüber beklagt hatte, dass nur Männer teilnehmen dürften. Der Universitätspräsident nannte ihre Kritik „kompetent und richtig“. In diesem Fall musste die Hochschule das als sexistisch gebrandmarkte Gekraxel nicht selbst abblasen – die Studenten handelten in vorauseilendem Gehorsam. Zur selben Zeit wehrte sich an der Berliner Humboldt-Universität der Politikwissenschaftler Herfried Münkler gegen die anonym in einem Blog vorgebrachten Vorwürfe, er sei ein Rassist und Militarist. Andere Kollegen hatten Ähnliches erlebt.

          Ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ließ mehrere von ihnen zu Wort kommen. Ein Wissenschaftler hängte anschließend den Artikel an seiner Pinnwand auf. Prompt bekam er eine E-Mail von einer studentischen Frauenbeauftragten, die ihren Ärger äußerte und darum bat, den Artikel abzuhängen, um das Institut zu einem gewaltfreieren Raum zu machen.

          Protestmarsch gegen „sexuelle Paranoia“

          In Amerika herrschen schon andere Sitten. Im März kämpften Studenten der Northwestern University in Illinois mit einem Protestmarsch und einer Online-Petition gegen einen Artikel, den eine Professorin verfasst hatte. Sie schrieb darüber, dass „sexuelle Paranoia“ das Verhältnis von Professoren und Studenten veränderte, hin zu Misstrauen und der ständigen Unterstellung, jemand sei Antifeminist oder noch Schlimmeres. Die Studenten fanden, durch den Text würden die Opfer als Täter dargestellt. Dieser Fall war aber einer der wenigen, in denen sich die Hochschule hinter die Professorin und die Redefreiheit stellte. Und darum geht es.

          Dass Studenten sich über Professoren beschweren, ist nicht neu. Neu ist, dass sich Hochschulen in der Bewertung ihrer Mitarbeiter nicht mehr auf sich selbst verlassen. Verdächtig ist, was empört. Das Empörende ist stets etwas Diffuses. Witze eignen sich besonders gut als Anlass, um jemanden anzuklagen. Dabei ist es egal, wie laut und schrill die Anklage vorgebracht wird. Entscheidend ist, wem sie zupasskommt. Hochschulgremien können Professoren verteidigen, die unter Beschuss stehen. Wenn sie es denn wollen. Der britische Professor Hunt sagte dem „Guardian“, seine Hochschule hätte ihn nie nach seiner Sicht der Dinge gefragt.

          So wird eine Drohkulisse aufgebaut, die viele einschüchtert. Studenten und Dozenten lernen: Man kommt am besten durchs Leben, wenn man nichts sagt, was andere stört. Nach dem Prinzip funktionieren auch Sekten. Der britische Professor Tim Hunt kann seine Witze jetzt seiner Ehefrau erzählen. Sie ist Professorin für Immunologie.

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