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Serdar Somuncu im Porträt : Weil er einfach Bock drauf hat

Bei der Comedy, kritisiert Serdar Somuncu, müsse der Zuschauer gar nicht mehr nachdenken, bevor er lacht. Kabarettist will er auch nicht sein, sondern schlicht Künstler. Bild: Thomas Rabsch/laif

Serdar Somuncu ist prollig und vulgär – und eine kluge Stimme in deutschen Talkshows. Bekannt geworden ist er mit „Mein Kampf“-Lesungen. Wer ist dieser Mann?

          7 Min.

          Serdar Somuncu läuft über die Bühne. Er hat sich in Rage geredet. Den „Flüchtlingsdeal“ zwischen der Europäischen Union und der Türkei findet er „schäbig“, das Abwälzen auf Ankara überhaupt „billig“, er fragt sich, was die Kanzlerin für eine „Scheiße“ mache. Da ruft einer aus dem dunklen Saal in Hannover: „Ich will Comedy!“ Das Publikum erschrickt, Somuncu stoppt. „Wer war das?“, fragt er wie ein strenger Lehrer.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ein junger Mann steht auf, leicht angetrunken. Neben ihm sitzen seine Freunde, die sich vor Lachen krümmen. Der Scheinwerfer wandert zu ihm. Somuncu wartet, sagt: „Du kleine Wurst bestimmst also, was jetzt kommt?“

          Es ist eine kurze Duell-Situation, die der 47 Jahre alte Somuncu mühelos gewinnt. Also weiter. Es folgt eine obszöne Phantasie über Angela Merkel, die sich wünsche, dass Erdogan sie „mal richtig hart rannimmt“. In dieser Tonart geht es noch weiter. Das Publikum, mehrheitlich junge Männer, johlt los. Manche ziehen Luft durch die Zähne. „Krass“, sagt ein Junge in Reihe sieben.

          Analytischer Diskutant und vulgärer Prolet

          Wieder ruft einer rein: „Bitte ernsthafter!“ Somuncu blickt genervt in den Zuschauerraum. Er sei aus Bremen angereist, sagt der Rufer, als der Scheinwerfer auf ihn gerichtet ist, und ob es nicht etwas weniger platt ginge. Somuncu zögert, schaut freundlich. Er muss beide Seiten unter einen Hut kriegen, den Proll und den Bildungsbürger. Er sagt also: „Vielleicht wollt ihr beiden euch kurz unterhalten und mir gleich Bescheid geben, wie es weitergeht?“

          Es fällt schwer, es so ganz zu glauben, aber Serdar Somuncu ist in den vergangenen Jahren zu einer ernstzunehmenden Stimme geworden, einerseits. Er sitzt bei „Anne Will“ oder „Hart aber fair“ und diskutiert mit Edmund Stoiber oder Claudia Roth. Er ist klug und analytisch, ein guter Diskutant. Er ist aber andererseits auch - zumindest in seinen Soloshows - zu vulgär, um als Vorzeige-Migrant zu firmieren. Das ist das Spannungsfeld, das Somuncu ungewöhnlich und erfolgreich macht.

          Kluger Gesprächspartner und häufiger Talkshowgast: Serdar Somuncu diskutiert bei „Anne Will“ den Fall Böhmermann.

          Die Geschichte von Serdar Somuncu, geboren 1968 in Istanbul, beginnt mit Adolf Hitler. 1996 tritt der junge Schauspieler das erste Mal mit einer szenischen Lesung von „Mein Kampf“ auf. Ein paar Jahre zuvor hat er eine Musikerausbildung in Maastricht und Wuppertal absolviert, an ein paar Bühnen gearbeitet und will jetzt etwas Neues machen. Ein Türke, heißt es mit gebotener Empörung in der „Bild“-Zeitung, liest Hitler vor - Somuncu ist die mediale Aufmerksamkeit sicher. CNN, BBC und „Le Monde“ berichten. „Der Spiegel“ meldet sich, Somuncu gibt eines seiner ersten Interviews. Nachher fragt ihn der Reporter: „Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sich da eingelassen haben?“ Nazis marschieren bei den Lesungen auf, er liest in schusssicherer Weste.

          Auftritte unter Polizeischutz

          Somuncu wird darüber zum Experten. Nicht nur für Hitler, sondern für die deutsche Geschichte. Leute fragen ihn im Anschluss an die Lesung: „Was halten Sie von Rosenbergs ,Mythus des 20. Jahrhunderts‘?“ Hat er nie von gehört, liest er später zu Hause nach. Dabei geht es, wenn Somuncu Hitler rezitiert, nie allein um Hitler. In vielen Orten, die er besucht, haben sich Mitte der neunziger Jahre Neonazis breitgemacht.

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