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Seminare für Führungskräfte : Mit Wallachwissen durch die Krise

Da hilft weder Zerren noch Zureden: Ein Pferd folgt nicht immer Bild:

Ein Pferd kann gerade in schweren Zeiten der Persönlichkeit helfen: Daher satteln Führungskräfte probehalber um. An der „Pferdeakademie“ im Sachsenwald sollen sie ihre Autorität verbessern und Selbstvertrauen gewinnen.

          Die Begegnung mit Michel, der als schwierig im Umgang mit Vorgesetzten gilt, ist recht unkompliziert. Michel hebt den Kopf, lässt sich streicheln, schnuppert aufmerksam und trottet zufrieden von dannen. Ein Pferd ist ein Pferd ist kein Pferd: Michel, der Wallach, zum Beispiel ist auch ein Schlüssel zum eigenen Ich, ein Spiegel der eigenen Wirkung und der perfekte Trainer für Führungskräfte und solche, die es einmal werden wollen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Verena Neuse, Gründerin und Leiterin der „Pferdeakademie“ in Reinbek, hat aus diesen Erkenntnissen gleich ein Konzept namens „Pferd und Persönlichkeit“ gemacht. Das kommt an in den Chefetagen. In Zeiten der Krise ist guter Rat willkommen. Pferde brauchen klare Befehle – wie Mitarbeiter.

          Tiergestützte Fortbildungen für Führungskräfte sind seit einigen Jahren beliebt. Wer genug hat von Seminaren in Hochseilgärten und von Betriebsyoga, der wendet sich tierischer Erlebnispädagogik zu. Vorstände, Unternehmer und Führungsnachwuchs möchte Neuse mit ihrem Seminar ansprechen.

          Ein Pferd, ein Lehrer: Verena Neuse, Leiterin der „Pferdeakademie”, stellt Führungskräften ihren Wallach vor.

          Gerade in Zeiten der Krise ist Führungskraft gefragt

          Heute mit dabei sind vor allem Nachwuchsführungskräfte – die nicht alle vor Führungswillen strotzen. „Wir sollen führen, aber niemand schaut nach, ob wir dazu eigentlich geeignet sind“, sagt Antje, die in einem hessischen Logistikunternehmen gerade zur Abteilungsleiterin befördert wurde. Antje erzählt, sie fühle sich ausgegrenzt – ihr sächsischer Akzent komme bei den Kollegen nicht gut an. Ihr Arbeitgeber hofft, mit dem Seminar die Zweifel beseitigen zu können. Jede Verzögerung kostet Geld, solch ein Seminar kaum Zeit. Im Herbst hat Neuse die meisten Anmeldungen. Dann ist der Sommerurlaub vorbei, und die Unternehmen verfeuern das übriggebliebene Jahresbudget.

          Auch in diesem Jahr kann Neuse nicht klagen. Die Buchungen blieben stabil: „Kluge Unternehmen investieren gerade in Krisenzeiten in ihre Führungskräfte – um sie fit zu machen für schwere Zeiten.“ Die Reithalle im herbstlichen Sachsenwald ist bitterkalt. Wasser läuft die beschlagene Panoramascheibe herunter, die Klinkerwand ist feucht. Bislang fanden tiergestützte Fortbildungen vor allem mit Hunden statt. Doch wahre Führung lerne man bei Hunden nicht, sagt Neuse. Hunde seien Raubtiere, Opportunisten, die sich nur zusammenschließen, weil es die Jagd erleichtert. Überleben könnten sie auch allein, Pferde nicht.

          „Ich weiß alles über soziale Kompetenz - theoretisch“

          Neuses Teilnehmer treffen sich in einem geschlossenen Balkon, von dem aus die Teilnehmer in die leere Reithalle blicken. So wie Imke, die in einem Hamburger Recyclingunternehmen arbeitet, direkt unter der Geschäftsführung. Sechs Fortbildungen für Führungskräfte macht sie pro Jahr. „Ich weiß alles über soziale Kompetenz“, sagt sie – „theoretisch“.

          Zwischenmenschlich komme sie noch immer nicht mit ihren Mitarbeitern aus. Neuse drückt einen Knopf, es dauert ein Paar Sekunden: Walzermusik. Die Pferde kommen in die Halle, imposante Friesen mit wehenden Mähnen.

          „Schaut, wie sie sich verhalten, achtet auf die Rangordnung“, sagt Neuse. Dazwischen tobt ein kleines Shetland-Pony herum. Es wurde für 50 Euro vor dem Schlachter gerettet. Jetzt lockert es die Gruppe auf. Die Teilnehmer bewegen sich zwischen den vier Pferden. Tina, Teamleiterin im selben hessischen Logistikunternehmen, hat Angst vor Pferden. Für sie ist das Seminar auch Therapie. Und was lässt sich von der Herde auf den Büroalltag übertragen? Neuse pflegt solche Fragen mit branchenüblichen Gleichnissen zu beantworten: „Pferde sind Herdentiere und brauchen Führung. Genau wie Menschen.“

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