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Selbstmorde in China : „Wenn sie sterben will, soll sie sterben“

  • -Aktualisiert am

Chinesischer Alltags-Drill: Frühgymnastik an einer Privatschule Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Familienstreit, Konkurrenzdruck, Bildungsstress: 250.000 Menschen nehmen sich in China jährlich das Leben; Suizid ist die häufigste Todesursache unter jungen Chinesen. Vor allem Studenten, die auf den strengen Elitehochschulen in Depressionen verfallen, sind gefährdet.

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          „Ich schreibe einen Zettel: auf die linke Seite schreibe ich die Gründe, weiterzuleben, auf die rechte die Gründe, diese Welt zu verlassen. Rechts steht sehr viel, aber links kaum etwas.“ Das traurige Abschiedsgedicht, daß zur Zeit im chinesischen Internet zu lesen ist, stammt von einer Studentin, die sich das Leben nahm. Sie stürzte sich aus dem Fenster eines Hochschulgebäudes der Peking-Universität.

          Die Studentin gehörte zur Elite der Nation, war eine der wenigen, die es auf die beste Universität des Landes geschafft hatte, eine, die von Millionen chinesischen Schülern und Studenten beneidet wird - und sie gehört zur wachsenden Gruppe junger chinesischer Studenten, die an Depressionen leiden und mit dem Leben nicht mehr fertig werden.

          China: jährlich 250.000 Selbstmorde

          In diesem Jahr haben sich schon fünfzehn Studenten an Pekings Elitehochschulen das Leben genommen. Selbstmord ist nach Angaben staatlicher Medien vom Sommer die wichtigste Todesursache unter jungen chinesischen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren. 250.000 Menschen im Jahr töten sich in China selbst. Nach einem Bericht von „China Daily“ unternehmen weitere 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen erfolglos den Versuch, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Nach einer Studie des Pekinger Zentrums für Suizid-forschung und -prävention töten sich im Jahr 22 von 100.000 Menschen - das ist eine Rate, die um die Hälfte höher ist als der Durchschnitt auf der ganzen Welt.

          Studenten in Schanghai

          Neben den Studenten sind vor allem Frauen auf dem Land ihres Lebens müde: Die Ehemänner streben vom Dorf in die Stadt, um als Wanderarbeiter Geld zu verdienen; zu Hause sind die Frauen dann offenbar häufig damit überlastet, daß sie sich allein um die Kinder und den Hof kümmern müssen - und oft auch mit den Schwiegereltern allein gelassen werden.

          14 Prozent der Studenten sind of deprimiert

          Aber die Aufmerksamkeit der Politik richtet sich nun vor allem auf gefährdete junge Städter. Bildungsstress, Beziehungsprobleme, Einsamkeit und das Fehlen psychologischer Hilfe bei Depressionen gelten als wichtige Auslöser für den Wunsch, sein Leben zu beenden. Die Hochschulen hängen solche Vorfälle nicht an die große Glocke, denn sie werfen ein schlechtes Licht auf die Universitäten und könnten Eltern und Lehrer verschrecken. Einige der Selbstmordfälle sind über chinesische Zeitungen oder über das Internet bekanntgeworden. Eine Umfrage brachte zutage, daß 14 Prozent der chinesischen Studenten oft deprimiert sind. Und eine überraschte chinesische Öffentlichkeit fragt sich, wie es kommen kann, daß die klügsten und am meisten verhätschelten Kinder der Nation, denen die Zukunft nur Gutes zu versprechen scheint, dem Leben nichts mehr abgewinnen können.

          Eiligst werden nun an Universitäten Krisenzentren eingerichtet. Man bildet Berater aus, die Studenten in schwierigen Situationen helfen sollen. In der Peking-Universität, die als beste Chinas gilt, hat man zwanzig Fachkräfte abgestellt und fünf Räume für Beratungsgespräche eingerichtet. Doch bislang nehmen die Studenten diese Hilfsmöglichkeiten noch kaum wahr. „Unsere Studenten haben keine Zeit für die Beratung, sie müssen zuviel arbeiten“, sagt die Psychologin Fang Xin, die Leiterin der Beratungsstelle.

          Der Konkurrenzdruck ist immens

          Und darin liegt eine der Wurzeln des Problems. Chinas Schüler und Studenten sind so hoffnungslos überlastet mit Lernstoff, daß ihnen die Zeit für andere wichtige Dinge fehlt. Der Konkurrenzdruck in Chinas Schulsystem ist immens. Von der Grundschule an wird für Aufnahmeprüfungen an den weitergehenden Schulen gebüffelt. Nur die Besten kommen durch. Die Jugendlichen büffeln buchstäblich Tag und Nacht für die wichtigste Prüfung in ihrem Leben, die nationale Aufnahmeprüfung für die Universitäten, die nur jeder zweite besteht.

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