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54 Jahre auf der Bühne und immer noch cool: Suzi Quatro in Hamburg. Bild: Lucas Wahl

Suzi Quatro : Die kontrollierte Rockröhre

Wer sich an die Starschnitte in der „Bravo“ erinnert, kennt auch Suzi Quatro. Mit 68 ist sie immer noch auf Tour – und ganz die Alte.

          8 Min.

          Die häufigste Frage, die gestellt wird, wenn man erwähnt, Suzi Quatro zu treffen, lautet bei Menschen über fünfzig: „Ach, gibt’s die noch?“ Sind sie unter fünfzig, heißt es: „Suzi wer?“ Warum also sollte man mit 28 oder 33 oder 42 Jahren einen Artikel lesen über eine Frau, die vor 45 Jahren ihren ersten Nummer-1-Hit hatte? Also in der medialen Steinzeit. Es gab damals nur drei Programme im Fernsehen, und die Telefone hatten eine Schnur. Richard Nixon war amerikanischer Präsident und Willy Brandt Bundeskanzler. Die meisten Fotos aus dieser Zeit sind in Schwarzweiß. Auch die von Suzi Quatro.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Will man erklären, was die Amerikanerin ausmacht, könnte man sagen, dass sie in den siebziger Jahren so etwas wie eine Influencerin war, die nicht auf Instagram oder Youtube, aber als Starschnitt in der „Bravo“ zu sehen war, auch so was aus der Steinzeit: Man musste regelmäßig die „Bravo“ kaufen und Seiten sammeln, die Teile ergaben nach dem Zusammenkleben ein lebensgroßes Poster. Quatro hatte viele Starschnitte in der „Bravo“ und viele Auftritte im „Musikladen“ von Radio Bremen und in der Fernsehsendung „Disco“ des ZDF.

          Ihre Stimme hört man zunächst nur durchs Mikrofon. Suzi Quatro sitzt an einem grauen Hamburger Vormittag hinter einer Glasscheibe in einem Studio des NDR an der Rothenbaumchaussee. Sie hat gerade ein Radiointerview gegeben, jetzt muss sie ein paar Aufsager auf Deutsch machen und auf das Konzert im Mai in Rostock hinweisen. „Ros-tokk. No! Roschtokk. Better?“, wiederholt sie mehrmals. Plötzlich sieht sie, dass mehrere Leute hinter der Glasscheibe im Technikraum stehen und ihr zusehen. „Oh my God!“, kreischt sie, „so viele Leute, und ich muss Deutsch reden, das ist echt peinlich!“ Und dann kracht ein Lachen aus ihr raus, so rauh und laut, dass der Tontechniker kurz zusammenzuckt und den Regler runterfährt.

          Als Suzi Quatro im Musikbusiness durchstartete, war es noch komplett männlich dominiert. Die erfolgreichen Rockbands waren meistens Männer, die sich mit hübschen Groupies zeigten. Und selbst wenn diese Groupies, wie etwa Marianne Faithfull, selbst Musik machten und talentiert waren, blieben sie im Schatten ihres Boyfriends, der in Faithfulls Fall damals Mick Jagger hieß. Aber dass eine Frau Hardrock machte und erfolgreich eine Band führte, das gab es noch nicht. Lange vor Debatten über „#MeToo“ oder Frauen in Führungspositionen war Quatro eine Frau, die ihren Mann stand. Einfach so.

          Die Aufsager sind fertig. Suzi Quatro kommt aus dem Studio heraus. Sie ist eine kleine Frau, aber eine, das wird selbst in den wenig glamourösen Bürofluren des NDR schnell klar, mit großer Präsenz. Sie ist immer noch die vom Starschnitt, nur in älter. Ihre Haare, wie damals vorne kurz, hinten lang, durchziehen graue Strähnen, sie trägt eine schwarze Jeansjacke, schwarze Lederhose und ein weißes Amulett mit Totenkopf. Die Rock-Attitüde hat sie noch drauf, aber es ist nicht peinlich, auch wenn Suzi Quatro mittlerweile 68 Jahre alt ist. Überhaupt sieht sie bemerkenswert jung und frisch aus. Man muss nur mal Chris Norman googeln, gleicher Jahrgang, mit dem sie 1978 im Duett den Hit „Stumblin’ In“ sang, und man erkennt, wie jemand nach 54 Jahren Musikbusiness auch aussehen kann, jedenfalls deutlich mitgenommener.

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