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Ehepaar im Filmfieber : Fast täglich im Kino – seit 60 Jahren

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Ihr Wissen über das Kino ist eine Bibliothek, aus der sie nur das richtige Buch greifen müssen: Die Gregors im Berliner Arsenal am Potsdamer Platz. Bild: Jens Gyarmaty

Im Kino haben sich Erika und Ulrich Gregor 1957 kennengelernt – seitdem sitzen sie fast jeden Tag vor der Leinwand. Ihre Liebe zum Film ist an eine Hoffnung gebunden.

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          An einem Freitagabend im Juli dieses Jahres steigen eine kleine Frau und ein großer Mann in der Tiefgarage des Berliner Sony-Center aus ihrem Wagen. Beide sind um die Achtzig, ihre Gesichter zeigen Spuren des Alters, ihre Schritte sind kurz und tastend. Der Mann trägt einen Anzug, die Frau einen Hosenanzug. Obwohl sie erst vor kurzem von einem neuntägigen Aufenthalt im tschechischen Kurort Karlovy Vary zurückgekehrt sind, wirkt ihre Haut im fahlen Deckenlicht der Garage trocken und blass. Der Mann geht ein Stück voraus, er ist wirklich groß, doch vielleicht wirkt das auch nur so, weil die Frau wirklich klein ist, einen Meter und fünfundfünfzig etwa. Sie sind in Eile.

          Am Nachmittag haben sie noch Gäste zum Kaffee empfangen, und die Gäste sind zu lange geblieben. Als sie gegen halb acht immer noch nicht andeuteten, bald aufbrechen zu wollen, zeigten der Mann und die Frau ihnen, wo sie in ihrem Kühlschrank etwas zum Abendessen fänden. Dann verabschiedeten sie sich, setzten sich in ihren Wagen und machten sich auf Richtung Stadtmitte, Richtung Sony-Center.

          Tickets brauchen sie nicht, die Kassiererin kennt sie

          Dort betreten sie nun einen Aufzug aus Glas. Der Aufzug bringt sie hoch ins Arsenal-Kino, wo sie den Abend mit dem Debütfilm eines jungen Hongkonger Regisseurs verbringen wollen.Ihr Wissen über das Kino ist umfangreich, ist eine Bibliothek, aus der sie nur das richtige Buch greifen müssen, um detaillierte Vorträge zu halten über den tschechoslowakischen Film der sechziger Jahre, das Werk des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki oder den italienischen Neorealismus. Ihre Namen sind gewöhnlich, Erika und Ulrich Gregor.

          Das Arsenal-Kino liegt zwar über der Tiefgarage, aber immer noch im Keller. Die Eingangshalle des Kinos ist ein viereckiger, nach oben offener Raum, der Boden einer tiefen, grauen Schlucht, aus der drei gläserne Aufzüge herausführen. Oben, am Tageslicht, rollen die Füße von Passanten vorbei, Hunderte die Minute. Unten ist alles aus Metall und Glas, und die Filmplakate, die bunt an der Kasse und an den Wänden hängen, sind machtlos gegen diese Kühle. An der Kasse hat sich eine kleine Schlange gebildet, doch die Gregors – wie sie gemeinhin genannt werden – brauchen keine Tickets. Sie nicken der Kassiererin nur kurz zu und gehen einen schmalen Gang entlang, an dessen Ende der Saal des Arsenals liegt, das sie mitgegründet haben.

          Der entscheidende Moment

          Der Kinosaal verfügt über zwei Eingänge, die in die schwarze Außenwand eingelassen sind. Ulrich und Erika Gregor nehmen den hinteren. Sofort stehen sie vor der ersten Reihe, stehen vor der Leinwand, und ihre gebeugten Körper werfen einen Schatten, während sie vorübergehen. Der Saal ist schon gut gefüllt, die meisten Plätze belegt, in zwei oder drei Minuten soll der Film beginnen. Die Gregors klappen die mit stolzem, rotem Polster bezogenen Stühle herunter, versinken in ihnen, nebeneinander, ein wenig nach rechts versetzt.

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