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Seelsorger an Klinikum : Die Hand halten, wenn es zu Ende geht

Warum kein Imam in dem Krankenhaus arbeitet

Einen Krankenhaus-Imam gibt es nicht. Obwohl es viele muslimische Patienten in Höchst gibt. Das liegt daran, dass die Muslime anders als die beiden großen Kirchen keine Dachorganisation haben, aus der ein solcher Imam entsandt werden könnte. Die christlichen Seelsorger stellen auf Wunsch aber Kontakt zu einem muslimischen Geistlichen her, auch zu einem jüdischen Rabbi. Es gibt eine Rufbereitschaft: sieben Tage, 24Stunden.

Nicht jeder Patient braucht Seelsorge. Aber auf den Stationen der Onkologie und der Palliativmedizin stellt sich Thomas Hammer in jedem Zimmer kurz vor. „Kann ich wiederkommen?“, fragt er dann. Bei einem „Ja“ besucht er den Patienten regelmäßig. Solange der möchte. „Daraus entwickelt sich ein Kontakt, der so verschieden ist wie die Patienten selbst“, sagt der katholische Geistliche. Gläubig sind längst nicht alle, die das Gespräch mit ihm suchen. Neulich traf er zum Beispiel auf einen Atheisten, der sagte, er wolle mit der Kirche und Gott nichts zu tun haben – „aber bleiben Sie mal da“.

Auf den übrigen Stationen läuft es anders. Dort gehen die Seelsorger nur zu den Patienten, die besonders lange liegen. Manchmal bekommen sie auch einen Hinweis von Pflegern oder Ärzten, dass es jemandem nicht gutgeht. Henrich stellt sich dann meist mit diesen Worten vor: „Ich komme von der Klinikseelsorge und wollte Sie mal besuchen.“ So verhindert er, dass sich die Patienten erschrecken, wenn sie auf einmal einen Geistlichen in ihrem Zimmer sehen. Sonst denken sie noch, sie müssten bald sterben. Auch Muslime akzeptieren die christlichen Helfer oft, wie Henrich erzählt. „Weil wir gläubig sind und weil wir Menschen sind.“

Auf Krankheit und den bevorstehenden Tod reagieren Patienten unterschiedlich. Manche, die ihr Leben lang an Gott geglaubt haben, beginnen, mit ihm zu hadern. Andere finden den Weg zurück zum Glauben, der ihnen dann neue Hoffnung bringt.

Manchmal lässt Gott sich erahnen. Vor einigen Monaten war da diese einsame Frau, die wusste, dass sie bald sterben würde. Zu ihrem Geburtstag kaufte Reinhard Henrich Schokolade. Die Frau freute sich sehr darüber und genoss die Süßigkeit. Zwei Tage später ging Henrich gerade zufällig an ihrer Zimmertür vorbei, als er innehielt. Irgendetwas zog ihn hinein. Gerade noch rechtzeitig konnte er die Hand der Frau halten, die in diesem Moment ihre letzten Atemzüge tat. Henrich glaubt nicht an Zufall. „Das hat der liebe Gott entschieden.“

Wenn das Schild an der Tür aufgeklappt ist, liegt im Abschiedsraum ein toter Mensch. Den Angehörigen bleiben etwa 45 Menschen Zeit, um den Leichnam zu sehen. Bilderstrecke

Die Angehörigen der Patienten können das Ganze manchmal nicht ertragen. Ein Vater, dessen fünfzehnjährige Tochter mit dem Rettungshubschrauber gebracht wurde, war vor Trauer kaum zu bändigen, als er wenig später die schlimmste aller Nachrichten bekam. Thomas Hammer sagt: „Wir rennen nicht weg, auch wenn es teilweise heftig ist.“ Beruhigen, in den Arm nehmen, das Heulen zulassen. Und dabei selbst einen gewissen Abstand bewahren. „Wir dürfen nicht im Leid der Angehörigen versinken.“ Um alles zu filtern, gibt es regelmäßig Supervision.

Was die Klinikmitarbeiter leisten, ist für die Seelsorger nicht hoch genug zu schätzen. „Fast alle geben ihr Letztes“, sagt Henrich. Manchmal reicht ein „Wie geht’s?“ im Vorbeilaufen. Dann brechen Dämme. Private Probleme, Stress mit einem Patienten, Ärger mit einem Vorgesetzten – weil die Schweigepflicht für sie immer und überall gilt, sind Hammer, Henrich und ihre Kollegen wichtige Ansprechpartner.

Der Tod nimmt jeden, die Religion ist ihm egal. Das Brettchen an der Tür zum Abschiedsraum zeigt die Symbole der Weltreligionen: den Davidstern, das Kreuz, den Halbmond, das Dharma-Rad der Buddhisten und das Om-Zeichen der Hindus. Liegt in dem Raum ein toter Mensch, wird das Brettchen aufgeklappt. Dann wird eine zweite Seite sichtbar. „Abschied“ ist da dann zu lesen. Darunter steht ein Omega.

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