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„Sea Shepherd“-Chef Paul Watson : Rabiater Oberhirte

  • -Aktualisiert am

Sendungsbewusst: Paul Watson in dieser Woche bei einer Pressekonferenz in Frankfurt Bild: dapd

Umweltaktivist Paul Watson kämpft seit 35 Jahren mit seinen ganz eigenen Methoden gegen Haifischer und Walfänger. Derzeit sitzt Watson in Frankfurt fest – ihm droht die Auslieferung nach Costa Rica.

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          Es ist ein ungleicher Kampf, den die Kameras aufgezeichnet haben. Die „Varadero I“ schwankt schon auf ruhigem Wasser, ein kleines Fischerboot, nicht viel mehr als eine Nussschale. Dagegen erscheint die „Ocean Warrior“ wie ein Ungetüm aus Stahl, am Mast des 54 Meter langen Flaggschiffs weht eine schwarze Totenkopfflagge. Doch die eigentlichen Kriminellen sitzen an Deck der Barke. Eine Handvoll Männer, costa-ricanische Fischer, die vor der Küste Guatemalas Langleinen ausgeworfen haben, um Haie zu fangen. Ein ebenso illegales wie profitables Geschäft. Denn die Rückenflossen der Tiere bringen rund 200 Dollar pro Pfund.

          Paul Watson ist Kapitän der „Ocean Warrior“ und Anführer der „Sea Shepherds“ („Hirten der Meere“), die seit 35 Jahren mit radikalen Methoden gegen Haifischer und Walfänger vorgehen. Im Auftrag der guatemaltekischen Behörden sollen sie die „Varadero I“ in den nächsten Hafen begleiten. Doch die Wilderer versuchen zu flüchten. Watson schneidet ihnen den Weg ab, die Schiffe stoßen zusammen.

          Im Dokumentarfilm „Sharkwater“ ist der Vorfall festgehalten, der Watson nun, zehn Jahre später, zum Verhängnis werden könnte. Mitte Mai wurde er am Frankfurter Flughafen festgenommen, weil seit Oktober 2011 ein Haftbefehl aus Costa Rica vorliegt. Watson soll die Besatzung der „Varadero I“ verletzt und in Lebensgefahr gebracht haben. Gegen eine Kaution in Höhe von 250 000 Euro, die ein Freund für ihn leistete, kam Watson Ende Mai frei, darf Deutschland aber vorerst nicht verlassen. Die Justiz muss nun entscheiden, ob er an das zentralamerikanische Land ausgeliefert wird.

          Proteste hält Watson für sinnlos – für ihn zählen Taten

          Watson gehört zu den Gründungsmitgliedern von Greenpeace, für die er heute aber nur noch abfällige Kommentare übrig hat. Er unterstellt ihnen Untätigkeit und Selbstgefälligkeit, sie bezeichnen ihn als „Irren“. 1977 verließ Watson die Organisation und gründete im selben Jahr die „Sea Shepherds“. Trotz seiner 62 Jahre und des schneeweißen Haars wirkt der gebürtige Kanadier, der zudem die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, jungenhaft. Ohne Atempause referiert er über die Ausbeutung der Meere und die Profitgier derjenigen, die damit ihr Geld verdienen. Und darüber, wie schwer er ihnen das Leben macht.

          Proteste hält Watson für sinnlos, für ihn zählen Taten. In den vergangenen Jahrzehnten haben die „Sea Shepherds“ Verträge mit Delphinfängern in Japan ausgehandelt, sich gegen das Robbenschlachten in Kanada eingesetzt und in Kooperation mit ecuadorianischen Behörden für den Erhalt der Galapagos-Inseln gekämpft. Japan musste seine Walfangsaison, die es gegen das Moratorium der Internationalen Walfangkommission angeblich zu Forschungzwecken betreibt, in den vergangenen Jahren frühzeitig beenden, weil „Sea Shepherd“ die Jagd konstant behindert. Zehn Walfänger haben sie versenkt, deren Namen zieren die Außenwand der „Ocean Warrior“, die mittlerweile „Farley Mowat“ heißt und vor einigen Jahren von kanadischen Behörden beschlagnahmt wurde.

          Die Organisation finanziert sich ausschließlich über Spenden und Werbeeinnahmen aus den Dokumentationen, die an Bord ihrer vier Flaggschiffe gedreht werden. Bei ihren Kampagnen werden sie von freiwilligen Helfern unterstützt. Seit vergangenem Jahr setzen sie von Sponsoren gestellte Drohnen ein, mit denen sie Walfänger auch inmitten von Eisbergen aufspüren können. Mit stinkender Buttersäure machen sie dann den Fang der Wilderer ungenießbar, wickeln Taue in die Schrauben der Schiffe und rammen sie, wenn nötig - so wie es im Fall der „Varadero I“ geschah.

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