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Junger Mann verklagt Eltern : Eine hübsche Braut für den schwulen Sohn

  • -Aktualisiert am

Nasser El-A. vor dem Verhandlungssaal im Kriminalgericht in Berlin Bild: dpa

Dass der achtzehnjährige Nasser homosexuell ist, konnte seine Familie nicht akzeptieren. Sie wollten ihn zur Heirat zwingen, entführten ihn schließlich ins Ausland.

          Je näher der Gerichtstermin an diesem Donnerstag rückt, umso mehr machen sich Nassers Vertraute Sorgen. Sozialarbeiter und Berater haben den jungen Mann vor weiteren Schritten an die Öffentlichkeit gewarnt. Der Achtzehnjährige, in Berlin-Neukölln als ältester Sohn libanesischer Eltern geboren und aufgewachsen, hat seinen Vater und zwei seiner Onkel angezeigt: Freiheitsberaubung und Entziehung Minderjähriger. Wenn Nasser heute in einer betreuten Jugendeinrichtung lebt und auf seinen mittleren Schulabschluss hinarbeitet, wird er unter falschem Namen geführt. Es geht um seine Sicherheit.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem sitzt Nasser wenige Tage vor Prozessbeginn in einem Beratungscafé in Berlin und sagt: „Ich bin kein Typ, der sich versteckt. Ich will der Welt die Augen öffnen, ich will die Leute wachrütteln.“ Ein Hübscher mit großen Augen, in einem lockigen Undercut steckt eine verspiegelte Sonnenbrille. Um den Hals trägt Nasser ein Silberkettchen mit seinem Vornamen. Weil er ist, wer und wie er ist, hat der junge Mann seine Familie verloren. „Ich bin schwul“, sagt Nasser. Sein Lachen klingt unbeschwert.

          Kurz darauf weiß es die ganze Schule

          Zunächst jedoch bittet der Pressesprecher des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg die anwesenden Journalisten, keine Details zu veröffentlichen, die Rückschlüsse auf Nassers Identität zuließen. Dann sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks, Petra Koch-Knöbel, die Zahl der Zwangsverheiratungen in Berlin nehme in erschreckendem Ausmaß zu. Eine Umfrage habe für das Jahr 2013 insgesamt 460 Fälle ermittelt. Der Anteil junger Männer unter den Betroffenen habe sich mit 29 Fällen im Vergleich zu 2007 mehr als verdoppelt. Aber, klagt Koch-Knöbel: „Wir haben überhaupt keine Schutzeinrichtungen für junge Männer.“ Seit 2011 ist Zwangsheirat ein eigener Straftatbestand, die Beweisführung jedoch regelmäßig schwierig. Erst im Dezember wurde zum ersten Mal ein Vater verurteilt, weil er seine Tochter zur Ehe gezwungen hatte. Der Mann erhielt eine Bewährungsstrafe. Für das Mädchen, sagt Monika Michell, Referentin bei der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“, sei der Prozess eine Tortur gewesen. „Auch Nasser wird einiges auszuhalten haben. Da beweist er großen Mut.“

          Schließlich erzählt Nasser seine Geschichte, in der die Ereignisse vom Dezember 2012, die vor Gericht verhandelt werden, nur ein winziger Ausschnitt sind. „Homosexualität wird in meiner Familie ganz und gar nicht geduldet“, sagt Nasser. Seine Stimme ist klar, der Blick fest. Lange Zeit habe er gedacht, er sei der einzige Homosexuelle auf der ganzen Welt. Wenn in der Schule Schwulenwitze erzählt wurden, habe er mitgelacht - „um mich zu schützen“. Dabei habe er sich nie für seine sexuelle Orientierung geschämt. „Ich habe mir meine Sexualität nicht ausgesucht“, sagt er und klingt nicht einmal trotzig. Die Jahre bis zu seinem unfreiwilligen Outing nennt er heute die härtesten seines Lebens. Nur einer Biologielehrerin, die im Rahmen des Sexualkunde-Unterrichts vertrauliche Gespräche angeboten hatte, habe er sich offenbart. Dann kommt der 15. Oktober 2012. Eine Schulkameradin hat Nassers Facebook-Aktivitäten richtig gedeutet und ermahnt ihn, Homosexualität sei im Islam eine Sünde. Nasser kontert: „Ich bin so glücklich, und der liebe Gott wird so zufrieden sein, wie ich bin, denn er hat mich so erschaffen.“ Trotzdem weiß es kurz darauf die ganze Schule, ein Mädchen verpetzt ihn zu Hause. Die Mutter will es zuerst nicht glauben. Dann ruft sie ihren Mann an. Nasser erzählt, sein Vater habe ins Telefon gebrüllt, „dass er seinem Sohn ein Messer in den Hals rammen würde“.

          Von der Mutter in die Fall gelockt

          Daraufhin läuft Nasser weg. Erst kommt er bei einem deutschen Freund unter, dann wendet er sich ans Jugendamt, wo ihm dringend geraten wird, den Kontakt zu seiner Familie zu meiden. Aber die Sehnsucht ist zu groß. Während Nasser berichtet, dass es ihn zweimal zurück nach Hause gezogen habe, nicken die Fachfrauen an seiner Seite heftig. Als wollten sie bekräftigen, dass diese Sehnsucht jungen Männern und Frauen in ähnlicher Lage oft zum Verhängnis werde.

          Bei seiner ersten Rückkehr wird Nasser mit Glückwünschen begrüßt: Er sei verlobt, man habe eine junge Frau aus dem Libanon für ihn gefunden. Er werde Kinder haben, jubeln die Eltern. „Das war ein nettes, hübsches, attraktives Mädchen“, sagt Nasser. Aber eine Hochzeit kommt für ihn nicht in Frage. „Weil ich vorgetäuscht hätte, jemand zu sein, der ich nicht bin. Ich wollte selbst bestimmen, wen ich liebe.“ Er läuft wieder weg.

          Beim zweiten Mal, Nasser lebt in einer Einrichtung der Jugendhilfe, hat ein Familiengericht den Eltern schon das Sorgerecht entzogen und einen Vormund eingesetzt. Die Mutter jedoch wirbt am Telefon: Sie und die Geschwister würden ihn so vermissen, der Vater wäre gar nicht da. „Sie hat mich wirklich nach Hause gelockt, und ich war so naiv und habe ihr geglaubt“, sagt Nasser.

          „Die wollten mich umbringen“

          Stattdessen empfangen ihn sein Vater und sieben Onkel. Sie hätten freundlich getan und ihm etwas zu trinken angeboten. Dann sei ihm schwindelig geworden. Nasser vermutet Schlafmittel. „Ehe ich mich’s versah, befand ich mich im Auto eines Onkels.“ Mit von der Partie: sein Vater, dessen Bruder, ein Schwager. Er, Nasser, habe in dritter Reihe auf der Rückbank gesessen, zumeist unter einer Decke verborgen. Nach zwei Tagen schließlich, am Übergang nach Bulgarien, habe er die rumänischen Grenzbeamten auf sich aufmerksam machen können. Und weil das Familiengericht vorsorglich eine Auslandssperre angeordnet hatte, weil Nasser zu seiner eigenen Sicherheit die Auflage hatte, sich täglich bei seinem Vormund zu melden, weil die Behörden in diesem Fall also alles richtig gemacht hatten, galt der Jugendliche als vermisst und fiel bei der Passkontrolle auf.

          Seine Eltern, weiß Nasser aus Prozessakten, hätten bei der Polizei behauptet, sie hätten mit ihrem Sohn einen Kurztrip ins Ausland machen wollen. Nasser hingegen glaubt: „Die wollten mich umbringen.“ Sein Vater habe ihm auf dem Handydisplay das Bild eines Galgens gezeigt. An dieser Stelle mischt sich der Bezirksamtssprecher ein: Es habe keine Ermittlungen wegen einer Gewalttat gegeben. Gleiches gelte für körperliche Misshandlungen, von denen Nasser wiederholt berichtet hat und deren Narben er bis heute trägt. Auch die Sache mit der Zwangsheirat ist nicht Gegenstand vor Gericht. Die Anklage lautet auf Freiheitsberaubung und Entziehung Minderjähriger, bei einer Verurteilung gilt eine Geld- oder Bewährungsstrafe als realistisch.

          Seine Familie hat Nasser zweimal wiedergesehen. Einmal holte er in Begleitung von Polizisten seine Zeugnisse. Am Jahrestag seines Outings im vergangenen Herbst dann organisierte er in Neukölln eine Demonstration gegen Homophobie - „weil ich durch diese Straßen laufen wollte, wo ich die Misshandlungen erlebt habe“, sagt er. Keine zwei Meter von ihm entfernt am Straßenrand sah er seinen Vater. Aber der verzog keine Miene. Die Familie hat versucht, eine Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldbuße zu erreichen. Nasser hat abgelehnt. „Ich lebe glücklicher denn je mit meinem Schwulsein“, sagt er. Das Silberkettchen mit seinem Namen liegt fest an seinem Hals.

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